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Franz Grillparzer

Franz GrillparzerMaterialien › Hubert Reitterer, Skurrilität und tiefere Bedeutung

Hubert Reitterer

Skurrilität mit tieferer Bedeutung

Fritz von Herzmanovsky-Orlandos Umgang mit der Wirklichkeit. [1]

Die Skurrilität in der österreichischen Literatur entspringt nicht dieser selbst… sondern einem Mangel der Betrachtung und des Betrachters. (Jörg Mauthe)

Es ist nicht nur in Österreich Brauch geworden, den Namen des Schriftstellers und Graphikers Fritz von Herzmanovsky-Orlando bei allen jenen Skurrilitäten anzurufen, die selbst den geübten Österreicher angesichts gewisser Vorgänge in seinem Vaterland (das zu lieben er laut Grillparzer doch Ursach‘ haben müsste) mit einem resignierenden „Jo! Jojo. Jo!“ reagieren lassen. „Jo! Jojo. Jo!“ – so lässt Herzmanovsky in seinem Roman Das Maskenspiel der Genien alte, erfahrene Stationschefs einem über Leoben fahrenden Zug nachseufzen. Denn nicht selten sei es geschehen, dass ein die Grenzen Österreichs passierender internationaler Schnellzug gleich hinter dieser Stadt, dem „Gewitterwinkel des europäischen Reiseverkehrs“, spurlos versiegt sei. „Dann gehen sie ins Dienstzimmer zurück, stellen die Telegraphenleitungen ab, werfen sich seufzend aufs schwarzlederne Sofa und stöhnen noch lange: ›Jo! Jojo. Jo!‹ worauf sie in traumgequälten Schlummer versinken“. [2]

Beispiele für die Verwendung der Metonymie „skurril = herzmanovskysch“ sind in den Sprachgebrauch der Redner wie der Schreiber, in die Alltagspublizistik wie in die schöne Literatur eingegangen, und noch in einer repräsentativen Literaturgeschichte der 1980er Jahre kann man lesen, dass Herzmanovsky „zu einem jener Kürzel geworden ist, mit deren Hilfe man sich mühevollere Analysen erspart: Herzmanovsky-Orlando als Adjektiv […]“.[3]

Hinter Leoben versickernde Schnellzüge, vor dem Fatum als einer höheren Instanz kapitulierende Beamte, das ist aber doch typisch „herzmanovsky-orlandesk“, also kauzig, absurd, skurril! Gewiss, aber nur dann, wenn wir den Maßstab dieses Verdikts an das legen, was wir als das sogenannte Logische, Messbare ansehen. Dass das bei Herzmanovsky keineswegs der Fall war, hat die literaturgeschichtliche Forschung in den letzten Jahrzehnten überzeugend und eingehend dargelegt. [4]

Ich selbst will zunächst auf jene Frage eingehen, die sich dem Leser bei seiner ersten Bekanntschaft mit dem Werk Herzmanovskys für gewöhnlich als erste stellt – und ihn nur allzu oft in Verwirrung stürzt: Ist das, was er uns in seiner „Österreichischen Trilogie“ – dem Gaulschreck im Rosennetz, dem Rout am Fliegenden Holländer, dem Maskenspiel der Genien –, aber auch im Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstocher und in der Mehrzahl seiner übrigen Werke präsentiert, tatsächlich glaubwürdig, hat es das alles wirklich gegeben – oder sind diese zahllosen, den Verlauf der Handlung gewissermaßen überwuchernden Anekdötchen, Histörchen, diese skurrilen Begebenheiten, Namen, Lokalitäten etwa nur das Produkt einer ungezügelten Phantasie und der Lust am Fabulieren entsprungen? Dass dieses „oder“ nicht zutrifft, dass Herzmanovsky nicht österreichische Geschichte nach den Anforderungen der konventionellen Historiographie geschrieben hat, ist zwar schon früh – wenn auch nur verallgemeinernd – betont worden. Paul Kruntorad z. B. hat recht, wenn er sagt, dass es sinnlos wäre, in Herzmanovskys Werken „österreichische Archäologie betreiben zu wollen“, „man kann“ ihn „von vorn und hinten und von hinten nach vorn lesen, und erhält trotzdem keinen Hinweis auf den konkreten Verlauf der österreichischen Geschichte“. [5] Auch hat man darauf hingewiesen, dass er historische Fakten sehr wohl – und das im reichsten Ausmaß – verwendet hat. Auf solche Beispiele für diesen „sunderlichen liebhaber und fleissigen forscher alter dingen und historien oder verlauffenen geschichten“ [6] ist jedoch in der Literatur bis jetzt nur ungenügend eingegangen worden, sodass das Verständnis sehr vieler „dunkler Stellen“ im Werk Herzmanovskys erschwert, oft auch verhindert geblieben ist, was nicht selten auch zu Fehlinterpretationen geführt hat.

Es soll nun zunächst hauptsächlich anhand des Romanerstlings Der Gaulschreck im Rosennetz (Beginn der Niederschrift Ende 1917, erschienen 1928 im Artur Wolf Verlag in Wien) ein Einblick ein diese Realien und Pseudo-Realien gegeben werden, die Herzmanovsky durch seine unablässige, allen Kuriosa nachspürende Sammlertätigkeit stets zur Hand waren oder die er, eine historische „Wirklichkeit“ konstruierend, selbst erfunden hat.

Die Geschichte spielt im biedermeierlichen Wien, beginnt mit einem pensionierten kaiserlichen Hofzwerg und präsumptiven Schwiegervater des k. k. Hofsekretärs Jaromir Edlen von Eynhuf, eines überaus pflichttreuen, im k. k. Hoftrommeldepot dienenden Beamten, der überdies der hohen Ehre teilhaftig war, die am Kaiserhof alljährlich am Gründonnerstag stattfindende Zeremonie der Fußwaschung mit seinem Flötenspiel zu verschönern. Eynhuf verstrickt sich in verwirrte Abenteuer, die er auf sich nimmt, um seinen geliebten Monarchen zum 25jährigen Regierungsjubiläum mit einem künstlerisch gestaltetem Arrangement von 25 Milchzähnen erlesener weiblicher Schönheiten zu überraschen und zu erfreuen. Ein einziger Zahn fehlt noch, und diesen gilt es der Hofsängerin Höllteufel abzulocken. Doch die Geschichte endet tragisch: Eynhuf verliebt sich in die Höllteufel, wird, als Schmetterling kostümiert und, vom Winde vor sich hergetrieben und Panik verbreitend, als „Gaulschreck von Mariahilf und der oberen Laimgruben“ öffentlich geächtet, wegen standeswidrigen Lebenswandels pensioniert und erschießt sich, die Milchzähne als Munition verwendend. „So endete das hoffnungsvolle Leben eines correkten Beamten, Fußwaschungspfeifers und wirren Amanten“. [7]

Es sind fast immer nur kleine Dinge, die ich anführen will: Namen, die kein biographisches Lexikon mehr kennt, Örtlichkeiten, die nur in den Erinnerungen älterer heimatkundlicher Spaziergänger weiterleben, nur mehr in den obersten Reihen der Bibliotheken altmodischer Antiquare vergessene Bücher – kurz, die kleinen historischen Dinge, die nur noch in der Grauzone des gerade noch Dokumentierbaren angesiedelt sind.

Da wäre zunächst der Hofzwerg. Die Existenz von Hof- oder Kammerzwergen am Habsburgerhof – ein spanisches Erbe – und ihre damit verbundene geachtete Stellung sind ja bekannt und belegt. [8] Doch ein kaiserlicher Hofzwerg, wenn auch ein pensionierter, im Vormärz? Die Neue freie Presse vom 4. September 1866 überrascht uns mit der Nachricht, dass „am 2. d. in Baden bei Wien Herr Mathias Gullia, Cassier des Josephsbades, bekannt als der letzte kaiserliche Hofzwerg“ gestorben sei, und zwar „in Folge des Genusses von 24 Zwetschkenknödeln, die sein kleiner Magen nicht zu verdauen vermocht hatte“. [9]

Der herzmanovskysche Hofzwerg heißt Zefises Zumpi. Sein Nachname ist ein Dialektwort aus der anatomisch-sexuellen Sphäre, wie übrigens auch so mancher andere Name im Werk Herzmanovskys. [10] „Zefises“ erinnert an Ferdinand Raimunds Der Diamant des Geisterkönigs, in dem der Vater Eduards diesem auf seine Frage „Was soll ich beginnen?“ die lakonisch-dunkle Antwort gibt: „Ich bin dein Vater Zephises und habe dir nichts zu sagen als dieses!“, [11] ein Ausspruch, der bald zu „Das ist der Vater Zephises, nimm dieses Kipfel und friß es“ parodiert wurde. Auch Herzmanovsky verwendet diesen Spottvers bei der Schilderung der Anfechtungen, denen der würdige Hofzwerg ausgesetzt war. Ebenso berichtet er von der Wut, die die Verwendung von Worten wie Mikroskop, Gewicht, wichtig, Winzer oder Zwerchfell bei Zumpi hervorrief. Auch „Wichtls Bierhaus am Peter, das gerade sehr in Mode kam“, [12] wollte der Zwerg unter keinen Umständen betreten. Zwar nicht am Petersplatz, sondern im Komödiengässchen nächst dem Kärntnertor gelegen, zählte es übrigens zu den Lokalen, in denen Franz Grillparzer (als Hofbeamter gewissermaßen ein Amtskollege des Hofzwergs) und sein Kreis gesellige Zusammenkünfte abhielten. [13] Um im Umfeld Zumpis zu bleiben: In dem fast homerisch anmutenden „Zwergenkatalog“, in dem Eynhuf Bedeutung und Einfluss dieser „wackren kleinen Leute“ denen „manch römischer Kaiser […] gerne sein hohes Ohr lieh“, hervorhebt, findet sich auch ein Zwerg namens Zitterzimpf. [14] Ihn hat Herzmanovsky wahrscheinlich einem seiner literarischen Gewährsmännern, Moritz Bermann, 15 variierend entnommen: Der kaiserliche Kammerzwerg Lukas Zitteraal muss nicht nur, wie Zumpi, Kindermöbel benutzen, sondern wird auch, wie dieser, durch das Wort „Zwerchfell“ in Wut versetzt. [16]

Dies zeigt sich auch in sprachlichen Anklängen: Crispine, die älteste Tochter seines Schwiegervaters in spe, durfte darauf hoffen, als Zulage zur Mitgift das landesfürstliche Privileg der „Schmauswaberl“ zu erhalten, „die allerhöchsten Überreste von der Hoftafel zum freihändigen Verkauf“ anzubieten“. [17] Nun war Herzmanovsky die historische Gestalt der „Schmauswaberl“ Barbara Roman durch einen Aufsatz von Emil Karl Blümml zwar bekannt, [18] Anregungen zur sprachlichen Formulierung hat er jedoch aus Bermanns Roman Maria Theresia und die Schmauswaberl vom Spittelberg geschöpft. [19] Charakteristisch für ihn ist dabei die Ausgestaltung seiner Vorlage durch die Groteskisierung der Bermannschen „Überreste dieser köstlichen Tafel“ mit dem in diesem Zusammenhang höchst unpassenden „allerhöchsten Überreste“ (durch Enallage mit dem Begriff „allerhöchste Hoftafel“) und mit dem zwar juristisch korrekten, in diesem Zusammenhang aber disparaten – und also grotesken – „freihändigen Verkauf“.

Noch ein anderer von den vielen Gewährsmännern sei hier genannt: Wilhelm Kisch, dessen Publikationen zur historischen Topographie Wiens ihm Material und Anregungen gegeben haben. So diente Herzmanovsky jene Szene im Gaulschreck, in der Eynhuf, am Fenster seiner Wohnung stehend und seinen Liebesgram auf der Flöte in die Nacht hinausblasend, die Aufmerksamkeit seiner Nachbarschaft hervorrief, ein ganz ähnlicher von Kisch geschilderter Vorfall als inspiratorisches Modell. [20] Und es ist gewiss kein Zufall, dass Eynhuf dem „Aktuar Staubmayer vom Militärfindelhaus, einer Schöpfung des guten Kaisers Josef […] just am ›Stoß im Himmel‹ begegnete“. [21] Nach Kisch wurde das Wiener Haus „Zum Stoß im Himmel“ 1798 von seinen damaligen Besitzern Held und Straubmayer neu erbaut. [22] Herzmanovsky gewinnt durch die Umwandlung in „Staubmayer“ noch zusätzlich ein Bild des von der Beamtenwelt so untrennbaren Aktenstaubes. Darüber hinaus gibt er der ursprünglichen Formulierung bei Kisch „eine der segensreichen Gründungen des volkstümlichen Kaisers Josef II. – das Findelhaus“ [23] durch die Übertragung des in der Kaiserhymne auf Franz angewandten Epithetons ornans „der gute“ und die Verfremdung des „Findelhauses“ zu einem – sachlich gesehen – sinnlosen „Militärfindelhaus“ seine eigene – verfremdende – Note.

Staubmayer verabschiedet sich von Eynhuf mit den rätselhaften Worten: „[…] ‘mpfehl mich – muß ins Igeltheater zur ›falschen Pepita‹“. Was war das Igeltheater und wer oder was war die falsche Pepita? Die Antwort gibt die Wiener Theatergeschichte: Im Haus „Zum roten Igel“, Wien I., Tuchlauben 12, befand sich ab 1871 ein Theater, [24] das im Volksmund folgerichtig „Igeltheater“ genannt wurde, wie es uns der für die Wiener Kulturgeschichte bedeutsame Volksschriftsteller im besten Sinne, Friedrich Schlögl, überliefert hat. [25] Und die zu ihrer Zeit berühmte und vergötterte spanische Nationaltänzerin Pepita de Oliva hat 1853 mit sensationellem Erfolg auch in Wien gastiert, der in parodierenden Verwechslungspossen, wie etwa „Die falsche Pepita“ (Text von Josef Karl Böhm, Musik von Adolf Müller sen.) ausgenützt wurde.

Um sich der Höllteufel, von der er sich den 25. Milchzahn erhoffte, nähern zu können, besucht Eynhuf eine Redoute im Wiener Vergnügungsetablissement „Apollosaal“, [26] und zwar als Schmetterling kostümiert. Natürlich kam für ihn nur ein besserer, seinem Rang als Hofsekretär entsprechender Schmetterling in Frage: „Als Ordensband? Hm. Vielleicht eine zu unzarte Anspielung, die höheren Ortes verstimmen könnte. – Als Seidenspinner? Nein, riecht zu sehr nach Professionist. Als Admiral wäre er sehr gern gegangen, aber das wäre unbescheiden gewesen, denn dieser Schmetterling rangierte naturgemäß in der sechsten Rangsklasse mit den Hofräten.“ [27] Es folgten weitere Überlegungen: Rübsaatpfeifer, Frostspanner, Queckeneule, Apfelgespinstmotte? Doch alle erschienen dem Hofsekretär doch als allzu unansehnlich. Schließlich kommt die Erleuchtung: „Ich geh als Schwalbenschwanz! Die Natur hat sich da ja fast übertroffen, indem sie ihm die Farben des Allerhöchsten Hauses verliehen hat.“ Und tatsächlich hat der Schwalbenschwanz Flügel in den kaiserlichen Farben schwarz-gelb, wie Herzmanovsky (zusammen mit allen anderen Schmetterlingsnamen und den Details ihrer Physiognomie) dem in seinem Besitz befindlichen Meyer’schen Konversations-Lexikon entnommen hat.

Unter den kostümierten Besuchern dieser für Eynhuf verhängnisvoll endenden Redoute im Apollosaal befanden sich auch „[…] der römische Kaiser Leopoldus […] und seine Gemahlin Eleonore von Gonzaga […]. Würdig schritten sie einher. So oft sie stehen blieben, spielten zwei Cellokünstler rechts und links von ihnen eine Cavatine aus dem Cigno d’oro, während hinter den Majestäten der Marquis von Obizzi auf einem silbernen Bombardon, das ganz mit geätzten Liebesszenen aus Ovids Metamorphosen bedeckt war, ein dröhnendes rondo amoroso blies.“ Also eine dem Leser mannigfaltige historische Belehrung bietende Szene? Doch das lag nicht in der Absicht Herzmanovskys. Der Marchese Ferdinand d’Obizzi, Kommandant der Wiener Stadtguardia zur Zeit Kaiser Leopolds I., konnte zwar sein Rondo amoroso historisch korrekt blasen, die zur Vermählung des Kaisers mit seiner ersten Gemahlin Margarita Teresa komponierte und 1666 aufgeführte Prunkoper „Il pomo d’oro“ hatte in ihrem Titel jedoch einen goldenen Apfel und nicht einen goldenen Schwan, die Cavatina gehört in die Oper des 18. und 19. Jahrhunderts und Eleonore von Gonzaga war nicht die Gemahlin Leopolds I., sondern die seines Vaters Ferdinands III. Herzmanovsky hat sie gegen Eleonore von Pfalz-Neuburg, die dritte Gemahlin Leopolds, ausgetauscht. Es ging ihm in dieser kurzen Szene eben nicht um Historiographie, sondern darum, als Kontrast zur Ärgernis erregenden Deplaziertheit des Hofsekretärs und Schwalbenschwanzes Eynhuf eine dichte Atmosphäre kaiserlichen Glanzes zu schaffen.

Am Entstehen des Schmetterlingskostümes waren vier Personen beteiligt: Rat Großkopf, der es ihm angeraten hatte, Meister Entletzberger, „der die zartesten Gratulationskarten aus Seidentüll, Spinnweben, Gold und Perlmutter herzustellen wußte“, der Hofuhrmacher Degen, der „den Mechanismus, daß S‘ auch ordentlich damit pledern können“ verfertigte, und der Schneider Netschek, der den dazugehörigen Frack schuf. [28]

Rat Großkopf ist der hessen-darmstädtische Ehrenhofrat Anton Maximilian Pachinger, ein enger Freund Herzmanovskys, der ihn in seinen Werken unter den verschiedensten Namen auftreten lässt. Pachinger galt als „König der Sammler“, dessen Interessen praktisch alle Gebiete der Kulturgeschichte und Volkskunde (Graphiken, Medaillen, Devotionalien, Spielzeug, Gebrauchsgegenstände, Stammbücher usw.) umfassten. [29] Seine Vorliebe für Sexualkunde und Erotika aller Art (er schrieb z.B. Abhandlungen über den Keuschheitsgürtel) [30] bildet im Gaulschreck einen wesentlichen Teil der Handlung: Großkopf/Pachinger veranlasst ihn zum Besuch der Redoute, rät ihm zur verhängnisvollen Kostümierung und verschafft ihm einen Liebestrank, den er seiner angebeteten Höllteufel durch deren Kammerzofe in die Schokolade mischen sollte. Das wurde für Eynhuf jedoch auch diesmal zum Verhängnis: Um die Zofe für sich zu gewinnen, muss er ihr, wieder dem Rat Großkopfs folgend, „ein Liebesbegehren vortäuschen“, was aber dahin führt, dass diese ihm, wie der Verführte sich ausdrückt, „die so lang gehütete Blume des Junggesellentums entriss“ – und wird überdies von der Höllteufel hinausgeworfen, da die Verfertigerin des Liebestrankes, eine gewisse Frau Funzengruber, [31] in diesen zu viel Taubendreck gemischt hatte. Und schließlich war es wieder Großkopf, der Eynhuf zu seinem letzten Versuch brachte, sich den noch fehlenden Milchzahn zu verschaffen – und zwar den eines schönen, noch jungen, aber in Liebesdingen durchaus nicht unerfahrenen Mädchens, das sich dem harmlosen Hofsekretär mit den Worten vorstellt:

„An lieben guten scheenen Herrn
Hat die Mitzel gar zu gern
Wann er ihr paar Groschen gibt,
Ei! Wie ist sie da verliebt!
Scheentun kann sie gar so gut
Mit ihrem frischen jungen Blut
Das machet auch die Alten jung
Selbst in der Erinnerung!
Was a rechtes Madel is
Wahret das Geheimenis“. [32]

Eynhuf lässt das Mädchen eine Nuss („vom allerhöchsten Nussbaum“) aufbeißen, bemächtigt sich des ausgespuckten Milchzahns, wird als vermeintlicher Wüstling verfolgt und erschießt sich, seine Sammlung als Munition verwendend. [33]

Doch zurück zu den anderen am Schmetterlingskostüm Beteiligten. Die Arbeiten des Joseph Entletzberger, des Meisters des Biedermeier- Kunstbillets, waren Herzmanovsky wohlbekannt. [34] Jakob Degen hatte 1792 tatsächlich das Meisterrecht als Uhrmacher erworben, in unserem Zusammenhang sind aber seine bekannten Flugversuche, u. a. in der Reitschule der kaiserlichen Hofstallungen, wichtig – vor denen dem vom Winde verwehten Schmetterling Eynhuf jenes Schicksal ereilte, das ihn zum Gaulschreck werden ließ. [35] Authentisch ist auch, dass der für Eynhufs Flug verantwortliche Westwind den Bedauernswerten topographisch korrekt vom Apollosaal in Wien 7., Zieglergasse, über die Mariahilferstrasse zu den Hofstallungen geweht hat. Und was den Schneider Netschek betrifft, so soll nur auf eine Eintragung in Lehmanns Wohnungsanzeiger hingewiesen werden. [36]

Bei dieser Gelegenheit will ich noch einige andere Personen aus dem Fundus des Gaulschreck vorstellen. Zunächst die mit Eynhuf (den schon sein Name einen „Hauch von leichtem Teufeltum“ suggeriert) [37] namensaffine Höllteufel. Obwohl sie im Gaulschreck Sängerin an der Wiener Hofoper ist, lässt es ihr Name doch wahrscheinlich erscheinen, dass es sich um die 1910 – 1912 am Hofburgtheater engagierte Schauspielerin Maria Hofteufel (geb. Wien, 17.9.1880 – gest. nach 1937) handelt. Photographien zeigen dieses tatsächlich „dämonisch schöne Mädchen mit den schwarzen Locken“. [38] Vom Hamburger Deutschen Schauspielhaus kommend, hat sie am Burgtheater u.a. 1910 die Melitta in Grillparzers Sappho und die Mizzi Schlager in Schnitzlers Liebelei, im selben Jahr in der Uraufführung von dessen Der junge Medardus die Nerina gespielt und war ein Jahr darauf die erste Erna in Das weite Land. [39] Sie hat dem in Herzmanovskys Privatleben, seinem Weltbild und seinem literarischen wie graphischen Werk eine überaus bedeutsame Rolle spielenden androgynen Frauenbild und -ideal voll entsprochen.

Weniger attraktive Vertreterinnen ihres Geschlechts sind etwa „das ältliche Fräulein von Fackelstein mit dem gräßlichen Feuermal“, [40] einer der Gäste bei den Jauseneinladungen von Eynhufs hoher Protectrice, Ursula Schosulan, der „mehrfach jubilierten Kammerfrau der unvergesslichen Kaiserin Maria Theresia“. [41] Im Falle der Fackelstein scheint das „gräßliche Feuermal“, vordergründig betrachtet, lediglich assoziativ zu „Fackel“ gesetzt zu sein, es erklärt sich jedoch darüber hinausgehend dadurch, dass Herzmanovsky – einem Kenner auch auf dem Gebiet der Volkskunde – die „Fackelsteine“ (bei Kircheingängen aufgestellte Steine mit zur Versorgung der Fackeln der nächtlichen Kirchgänger bestimmten Löchern) [42] sicher vertraut waren. Und Ursula Schosulan lässt sich in den Hof- und Staatsschematismen ab 1799 als Kammerfrau der Erzherzogin Maria Clementina, 1801 bis 1807 der Kaiserin Maria Theresia nachweisen, somit also nicht der für Herzmanovskys fiktive Schosulan-Reminiszenzen ungleich ergiebigeren „unvergesslichen Kaiserin“, [43] sondern der zweiten Gemahlin Franz‘ II., der Kaiserin Maria Theresia von Bourbon-Neapel.

Um bei der erwähnten Jause nicht mit leeren Händen zu kommen, eilt Eynhuf noch zum „berühmtesten Zuckerbäcker Wiens, Friedrich Knecht, in die Wohllebengasse“. [44] Der Meister, der durch ein aus Zucker und Marzipan modelliertes historisches Tableau „Der Türk vor Neuhäusl“ bei Hof Begeisterung hervorgerufen hatte, [45] „modellierte gerade an einem kleinen Schweizerhause mit Spiegelglasfenstern, buntröckigen Sennerinnen auf giftgrüner Matte und scheckigen Kühen – alles aus Tragant“. Er hatte sein Geschäft ab ca. 1846 tatsächlich in Wien-Wieden, Wohllebengasse, Konskriptionsnummer 90 (später Wien 4., Wohllebengasse 16) und ist unter der selben Adresse bis 1899 nachverfolgbar. Er war unter anderem dadurch berühmt, dass er „[…] hervorragende Ereignisse des öffentlichen Lebens in Abbildungen aus Zucker und Tragant in mehr oder weniger künstlerischer Vollendung darzustellen verstand [46] Seine Zuckerbäckerei war Herzmanovsky zweifellos bekannt, da dieser ab ca. 1893 in deren unmittelbarer Nähe, Wien 4., Schwindgasse 3, wohnte.

Um bei der Kunst zu bleiben: Herzmanovsky war auch ein gewiegter Kunstsammler und -experte, der seine diesbezüglichen Kenntnisse u. a. auch im Namensgut des Gaulschreck verwerten konnte. Allerdings, wie nicht anders zu erwarten, in ins Skurrile umgebogener Form. So zieren das Heim des Hofzwerges unter anderem „[…] unter anderem buntfarbige Meisterwerke von der Hand Hieronymus Muzians, der es liebte, alte Zwerge als heilige Einsiedler zu malen, viele von ihren Ziegen tückisch bedroht“. Nun waren die Sujets des Barockmalers Girolamo Muziano zwar hauptsächlich religiöse, Zwerge als heilige Einsiedler finden sich nicht darunter und schon gar nicht solche, die derartigen zweideutigen Bedrohungen ausgesetzt wären. [47] Auch der Name eines weiteren der Kunstgeschichte wohlbekannten italienischen Barockmalers, Guido Cagnacci oder Canlassi, [48] ist von Herzmanovsky verwendet worden. Ich möchte die ihn betreffende Stelle im Gaulschreck deshalb ausführlicher zitieren, weil sie nicht nur die stilsichere, der jeweiligen Situation entsprechende Sprachkunst des Autors zeigt, sondern uns auch einen Einblick in die zur Skurrilität gewordene Sinnlosigkeit von Eynhufs Wirkungsstätte, dem k. k. Hoftrommeldepot, gewährt.

Zunächst die Vorgeschichte: Die Einwohner der Stadt Scheibbs hatten, „[…] hartnäckig, wie es eben nur Scheibbser sein können“ schon seit Dezennien um einen zweiten Donnerstag in der Woche petitioniert, obwohl man ihnen bereits das „zweite weiche kleine ›b‹ im Stadtnamen bewilligt hatte, da ein paarmal peinliche, sinnstörende Schreibfehler vorgekommen waren. [49] Dieser zweite Donnerstag hätte jedoch, wie allgemein befürchtet wurde, die kosmischen Auslöschung der Stadt „im magischen Fluchtpunkt […] des Raum-Zeitschwindels“ zur Folge gehabt, wenn die biederen Scheibbser damit nicht lediglich einen zweiten Markttag gemeint hätten, der in ihrem Sprachgebrauch mit dem Namen „Donnerstag“ identisch war. [50] So stand einem zweiten Markttag für Scheibbs nichts mehr im Wege und der diesbezügliche kaiserliche Gnadenakt sollte im ganzen Reich unter Trommelschlag verkündet werden.

„So ward denn das Kaiserliche Hoftrommeldepot, in dem Eynhuf diente, mobilisiert und schuftete Tag und Nacht […] Seufzend langte er endlich den Einlauf her, aus dem er das k.k. Trommelverzeichnis hervorgriff. ›E. Z. N ͦ 31.788/III, vom 23. Hornung 1723 nach des Heilands Geburth‹, - so lange war man im Rückstande! ›Tambour de Chasse‹, las er, ›oder k. Hof-Jagd-Trumbel, vom Signore Cagnacci, meist Canlassi, eigenhändig in oglio bemalen, mit der Heydengötzin Dianen, der Ares einen Holzsplint aus dem Fuße zeucht. Zwo Hunde bellen daneben, ein Hirz fleuchet durch marmorruinas eines palazzo derutto sive distrutto und etzliche Waldteuffel passen im Gebüsche: Auf sotane Teuffel ein cupido mit dem Bogen flizzet. In diesem Stücke hat der Holzwurmb gar übel gehauset! Ad reparandum!‹ Holzwurm? Ohweh, wie wird die aussehen! ›Ad referendum dem der k. Menagerie angegeliederten Hof- Holzwurmamte.‹ - Wäre erledigt.“ [51]

Der von Herzmanovsky durch die „k. Hof-Jagd-Trumbel“ hergestellte Bezug Cagnazzis zum Kaiserhof ist historisch: Er wurde 1658 von Leopold I. als Hofmaler nach Wien berufen, wo er 1663 auch starb.

Um im kaiserlichen Umfeld zu bleiben: Im Werk Herzmanovskys verstreut gibt es drei Episoden, die ich unter dem Titel „Tödlicher Jagdunfall, verursacht durch Hohe Hand“ zusammenfassen will. In der Barockkomödie Kaiser Josef II. und die Bahnwärterstochter , in der der Autor „den Kaiser Josef auf die Idee kommen lässt, eine wirkliche Personenbahn […] zu erlauben“ [52] tritt ein Sir Hugh Algernon Whimbhalshell, Sekretär des königlich großbritannischen Botschafters, Seiner Lordschaft Percy Fairfax Fitzroy Hobgoblin, auf und verkündet den Anwesenden: „Es ist geschehen Folgendes: Ihre königliche Hoheit, the Prince of Wales, haben sich gejagt Massa Viecher und […] haben sich geschie … geschossen! Statt auf diese Treiber … gwissen Mister Stephenson. Der hat so fiarch-terlich gschrian … und da hat Seine kenigliche Hoheit […] ihm eine Schmerzensgeld gegeben … eine große Schmerzensgeld! Aber nicht baar! O no! Sie hat ihm erlaubt, daß seine Sohn – weil er schon alt is und bleed – später wird erfinden dirfen the Eisenbahn. Das Ganze hat happened gschehn auf schottische Boden. Consequently ist hiermit natierlich verboten the Eisenbahn in Austria!“ [53]

Im Fragment Das Tyroler Drachenspiel gibt es ein „Lied der beiden kaiserlichen Büsten“ (gemeint sind Maria Theresia und ihr Vater Karl VI.):

„[…]

Maria Theresia: Erinnert SICH die RÖMISCH-Teutsche Majarstött
An ainen Pildstokkh wo da ainsam stöht
Just am Wegele von Cui
Glei links hinieber nach Ranuy?

Carl VI.: Da ham WIR aynen Adlervogl gschossen,
aynen gaz ayn möchtig großen
der hat noch grüßt und dann ist er verendet.
Dann ham WIR noch ayn Kughelschuß gespendet.
Der aber traf plos aynen Hof-Laquai,
der hat noch gschtrampft – dann war es gleich vorbei.
Aine Tobackh-trafficc hat ihn darnach verzieret,
[54]

Hier hat Herzmanovsky zweifellos einen tragischen Vorfall aus dem Leben Karls VI. verwendet, der, stark kurzsichtig, 1732 seinen Oberststallmeister Adam Fürst Schwarzenberg auf einer Jagd irrtümlich erschossen hat. Dieser starb, so wird überliefert, mit den Worten „Er seye jederzeit schuldig gewesen, sein Leben für Seine Majestät zu sacrificiren“. [55]

Hierher gehört auch eine Episode aus dem Gaulschreck, in der „der greise Goubernialrat Tobias Sechter, Edler von Echtensenft infolge eines bedauernswerten Irrtums der hochadeligen Jagdlust zum Opfer fiel“. Sechter genoss gerade im „aufgelassenen Röhrenteich N ͦ 14 der Salinenleitung zwischen Ischl und Ebensee“ „die wohlverdiente Erfrischung eines kräftigenden Seebades“ und wurde, „als er schlammbedeckt der vorüberfahrenden Jagdgesellschaft seine untertänigste Reverenz machte, für den sagenhaften Moormann vom Neusiedlersee gehalten und durch einen Blattschuß zur Strecke gebracht“. [56] „Welch schöneren Tod kann sich ein devoter Staatsdiener eigentlich wünschen?“, so der ironische Kommentar Herzmanovskys, der mit der beiläufigen Erwähnung des an dieser Stelle - topographisch gesehen - unmöglichen „sagenhaften Moormanns vom Neusiedlersee“ seine enge Beziehung zum bekannten Gründer und Oberhaupt des Neutempler-Ordens, Jörg Lanz von Liebenfels, erkennen läßt. [57]

Die „Inscriptio“ zu der aus der Emblematik seit dem 16. Jahrhundert bekannten „Pictura“ einer brennenden Kerze, „In serviendo consumor“ (Ich verzehre mich, indem ich diene), wurde auch von Otto von Bismarck verwendet, dem deutschen Reichskanzler, der die Geschichte Europas und damit nicht zuletzt auch die Österreichs, so nachhaltig geprägt hat. [58] Diese kann nicht nur als Summe seiner eigenen Amtsauffassung, sondern auch als Leitbild für jeden, besonders des deutschen Staatsdieners, gelten. Doch auch ein österreichischer Staatsdiener hat ein Vaterland: „…vor allem mein Amt, Eynhuf unterstrich förmlich jedes Wort, ich reibe mich zwar im Amte auf – in serviendo consumor – aber mir macht mein Amt Freide!“ [59] Ein skurriler Anachronismus, aber doch mit tieferer Bedeutung.

Ich möchte Herzmanovskys verwirrenden Umgang mit historischen Fakten noch an einem weiteren Beispiel aufzeigen. Crispine, eine Tochter des Hofzwerges, ist aus enttäuschter Liebe zu Eynhuf Kellnerin in einem übel beleumteden Lokal geworden, „bei der ›Goldenen Latern‹ in der Spittelberggasse, wo der schändliche Verein ›Die Feigenbrüder‹ seine Gelage feiert, und das gewisse Lied Nacht für Nacht ertönt:

Bei der Gigeritschen
Bei der Gageratschen
Bei der Goldenen Latern
Da hat s‘ es Trikot zerrissen
Da haben s‘ es aussagschimissn…“. [60]

Die ehemalige Wiener Vorstadtgemeinde Spittelberg (jetzt Teil von Wien 7) war vom 18. bis etwa Ende des 19. Jahrhunderts als das Prostituiertenviertel Wiens bekannt und auch die Kellnerinnen in den dortigen Lokalitäten standen in übelstem Ruf.61 Die dort gesungenen Lieder obszönsten Inhalts wurden zum Teil von dem zu Herzmanovskys Bekannten- und Informantenkreis zählenden Kulturhistoriker Gustav Gugitz mit herausgegeben.62 Doch hat es dort kein Haus mit dem Namen „Goldene Latern“ gegeben; diesen hat Herzmanovsky aus einer anderen Quelle gewonnen, nämlich einem Lied „Wiener G’frettg’schichten“ der wegen ihrer frivolen Lieder von der Wiener Lebewelt vergötterten Volkssängerin Antonie Mansfeld. [63] Die 6. Strophe dieses Liedes wurde von Herzmanovsky verkürzt und lautet im Original:

Bei der Gigaritschen, bei der Gagaratschen,
Bei der goldan Latern
Mit der blitz owi Resi, tanzt die Luri, d’Böse,
Daß ma narrisch möcht wern,
Tun an Cacan probirn, die feschen Schritt reskirn
So tanzens schiabrisch himmelhoch, de zwa.
(Aber die Trikot san z’rissen, da habns es aussi g’schmissen
D‘ Frala Luri und die Resi a!) [64]

Was den „schändlichen Verein ›Die Feigenbrüder‹“ betrifft, so war dieser – ich zitiere Herzmanovskys Gewährsmann Ludwig Abafi – „eine Gesellschaft von Herren und Frauen, die in Gütergemeinschaft lebten und diese Gemeinschaft auch auf ihre eigene Person ausdehnten […] Die nächtlichen Bacchanalien dieser netten Gesellschaft fanden teils in Währing und Nussdorf […] teils zu Wien in einem der vielen tiefen und geräumigen Keller des Lazenhofes […] statt“. [65] Die Gesellschaft hat ab etwa 1740 bestanden und wurde 1750 ausgehoben. Die Feigenbrüder konnten also das „gewisse Lied“ der 1835–1875 lebenden Mansfeld nicht am Spittelberg und nicht in der „Goldenen Latern“ gesungen haben. Aber Herzmanovsky, der sich im Rahmen der von ihm und seiner Frau betriebenen abstrusen Ortsnamenforschungen auch für den Spittelberg „als Venusviertel“ interessierte, [66] ist es durch diese für ihn typische Montage historischer Motive gelungen, ein dichtes und anschauliches Bild jenes Milieus zu zeichnen, das den moralisch so korrekten Hofsekretär letztlich zum Verhängnis werden sollte.

Wie bereits angedeutet, hat die Nichtbeachtung herzmanovskyscher Realien auch zu Fehlinterpretation seiner Schreibintention geführt, sodass das über ihn verhängte Pauschal-Verdikt „skurril“ nicht selten auch darauf zurückzuführen ist, dass man ihn nicht verstanden hat. Dazu drei Beispiele:

Wir sind auf einem Kongress der Akademie der Wissenschaften in Wien. Der Erzähler bezeichnet ihn als „eine der leidenschaftsdurchwühltesten Sitzungen, die diese überaus vornehme Vereinigung zu verzeichnen hat. Gab es doch eine erregte Diskussion. Mußte da nicht jemand aus einem anderen Parnaß des Geistes Zugereister mit der Frage, ob Archimedes oder Raimundus Lullus als der Erfinder der Geduldspiele anzusehen sei, in ein wahres Wespennest stechen? Das Geschnatter war furchtbar. Glatzköpfe hieben voreinander staubkrachende Schmöker auf den Boden, oder hielten sich, vor Leidenschaft zitternd, an den Gehrockknöpfen fest. Manche spuckten sogar voreinander aus“. [67]

Eine skurrile Szene aus der Gelehrtenwelt, jener Welt, die uns der Autor in seinem Werk immer wieder karikierend vorführt, [68] allerdings nicht ohne tiefere, freilich herzmanovskysche Bedeutung: Für ihn ist der Gelehrte einer der Repräsentanten der schwachen, ja lebensunfähigen Welt der Männer, die „[…] auf das Dümmste“ verfallen sei, was es gibt: „Sie erfanden das ernste Streben nach Kultur und Fortschritt und entwickelten die Wissenschaften, Politik, Jus und den ganzen Unfug, der daraus erwuchs, vor allem den Krieg, der durch die Entdeckung der Metalle zu hoher Blüte gefördert wurde“. [69]

Allerdings: Die oben geschilderte Gelehrtenszene ist zwar skurril, ihre Personen agieren grotesk – oder zumindest grotesk überzeichnet – der Anlass ihres Streites ist jedoch keineswegs so undenkbar, wie man gemeint hat: [70] Von Archimedes ist eine Schrift Stomachion bekannt, in der er die kombinatorischen Möglichkeiten untersucht, zu wie vielen verschiedenen Figuren sich eine bestimmte Anzahl von ursprünglich in einem Quadrat angeordneten Plättchen wieder zusammensetzen lassen. Das Prinzip des Stomachion – mit dem lateinischen „stomachari“ („sich ärgern“) verwandt – lebt bis heute in Geduldspielen, etwa unter dem Namen „Der Kopfzerbrecher“, weiter. Diese von Archimedes entwickelte Methode, wie aus vorgegebenen Elementen durch Kombinatorik neue generiert werden können, liegt auch der 1305 publizierten Ars generalis ultima des Raimundus Lullus zugrunde, der, ich zitiere aus dem von Herzmanovsky gern verwendeten Meyer’schen Konversations-Lexikon, „eine mechanische Methode“ entwickelte, „durch systematische Kombination der allgemeinsten Grundbegriffe […] unfehlbare Lösungen aller nur erdenklichen wissenschaftlichen Aufgaben zu finden […] Zu diesem Zweck hatte er eine eigene Maschine konstruiert und sein System mit der mystischen Zahlentheorie der orientalischen Kabbala in Zusammenhang gebracht“. [71] Auch Herzmanovsky hat sich, zusammen mit seiner Frau und seinem Bekannten- und Freundeskreis, intensivst mit dem von ihm imaginierten mystischen Hintergrund der Zahlen beschäftigt und an ihn auch geglaubt. Die so skurril anmutende Brücke von Archimedes zu Raimundus Lullus hatte für ihn tiefere Bedeutung, deren Erkennen er dem Leser aber wegen des eines gelehrten Disputes an sich unwürdigen Streitpunkts „Erfinder des Geduldspiels“ sehr schwer macht.

In einer sonst verdienstvollen Dissertation kommt ihr Verfasser auch auf einen für Cyriakus von Pizzicolli, [72] den tragischen Helden des Maskenspiels der Genien, verhängnisvollen Ort Gurkfeld zu sprechen: „Einen solchen Ort wird man auf der Landkarte vergeblich suchen. Jedoch ist der Name Gurkfeld wenigstens historisch belegt! Es war im Mittelalter eine sogenannte Königshube mit einem Schloß im Gurktal, Kärnten. Charakteristisch dafür waren die recht verworrenen und oft wechselnden Besitzverhältnisse. Da Verwirrung auch ein Hauptcharakteristikum der Tarockei ist, hat Herzmanovsky auf diesen Namen zurückgegriffen und ihn als Bezeichnung eines der wichtigsten Orte seines Traumstaates gewählt“. [73] Dem ist entgegenzuhalten: Zum Gebiet des vom Autor imaginierten „einen nicht unbeträchtlichen Teil Südösterreichs“ umfassenden Staates „Tarockei“ gehörte auch das reale habsburgische Kronland Krain, in dem die Ortsgemeinde Gurkfeld lag und als das nunmehr zu Slowenien gehörige Krško heute noch liegt.

Ebenfalls im Maskenspiel der Genien tritt ein „Hofrat an der staatlichen Seidenschwanzbeobachtungsstation zu St. Lambrecht in Steyermark“ auf, der sein Amt wie folgt beschreibt: „ Denen Seidenschwänzen […] kann man nicht trauen. Ja. So ist es. Nicht anderscht. Wir sind in St. Lambrecht unserer Siebene. Keiner mehr, keiner weniger. Siebene. Tag und Nacht am Posten. Nachts recht mollige Schreibtische – was wahr ist, ist wahr! Sie wissen, daß die Seidenschwänze Unglück vorausverkündigen. Sie können sich nichts Aufregenderes denken, als wenn plötzlich, in tiefschlafender Nacht, der Seidenschwanzbläser auf schaurigem Horn meldet, daß die besagten Unheilvögel dahergerauscht kommen …“. [74]

Auch diese Stelle ist als Beispiel für die Skurrilitäten im Werk Herzmanovskys angeführt worden. [75] Aber zu Unrecht: Der in südlicheren Zonen nur periodisch auftretende Seidenschwanz galt durch sein plötzliches und massenhaftes Auftreten dort bereits im Mittelalter im Volksglauben als Verkünder von Pest, Tod und Krieg. „Dieser Aberglaube war in der Steiermark noch im 19. Jahrhundert weit verbreitet“. [76] In diesem Sinne war die Beobachtung dieses „Kriegs-, Pest- und Totenvogels“ Aufgabe eines fürsorglichen Staates, zumal der Tarockei. Und welcher Ort in der Steiermark wäre dafür besser geeignet als das Kloster St. Lambrecht, zu dessen Patres der hochangesehene Ornithologe Blasius Hanf zählte? [77] Und auch die vom Hofrat so nachdrücklich betonte Zahl 7 ist nicht zufällig: Als Summe der als „vollkommen“ gewerteten Zahlen 3 (die Trinität) und 4 (die Evangelien) hat sie im Spiegel der Zahlensymbolik der Kirche und im Volksglauben eine besondere glückbringende und unheilabwehrende Kraft. Alles das war für Herzmanovsky, der sich intensiv, wenn auch mit absurden Ergebnissen, u.a. auch mit volkstümlichen Überlieferungen und mit Zahlensymbolik und -mystik beschäftigt hat, von tieferer Bedeutung.

Ich hoffe, dass es mir bereits bis jetzt gelungen ist, ebendiese tiefere Bedeutung hinter der skurrilen Erscheinungsform der Werke Herzmanovskys anzudeuten, also um das, worum es ihm in seinem Werk zu tun war. Denn sein Umgang mit der Wirklichkeit ist nicht allein aus seinem zweifellos zu konstatierenden literarischen Spieltrieb erklärlich, der ihn zur Demontage und bis zur Skurrilität übersteigerten Remontage der realen Welt in allen ihren Erscheinungsformen verführt hätte: Vielmehr ist zum Verständnis seines Werkes nicht nur der auf die bloßen Realien bezogene Rekurs auf die historisch-faktische Wirklichkeit notwendig, sondern, von diesem ausgehend, das Eingehen auf die Frage nach dem „Warum?“, nach dem, das den seines Standes bewussten, nach kurzzeitiger Aktivität als Architekt in wohlhabenden Verhältnissen privatisierenden Fritz von Herzmanovsky-Orlando zur literarischen Tätigkeit, und damit zum Schritt in die Öffentlichkeit, veranlasst hat oder, vorsichtiger formuliert, veranlasst haben könnte.

Herzmanovsky in einem Brief an Alfred Kubin: „Wir leben ganz in uns versponnen und sehen die uns tangierende Welt wie Du in Traumvisionen herrlicher Feengärten. Was wir schreiben, ist heute vollkommen unverständlich […]“. [78] „Wir“, das sind Herzmanovsky und seine Frau Carmen, geborene Schulista, [79] unter deren „wachsendem Einfluss […] auf Herzmanovskys Leben sich das bislang zwar euphorisch und wortreich, aber […] wenig präzise geäußerte mystische Interesse immer mehr in bestimmte Richtungen“ entwickelte. [80] Die seit 1911 Verheirateten suchten nach jenem sich jeglicher Rationalität entziehenden „Geheimwissen“, das in Herzmanovskys Werk immer wieder präsent ist – wenn auch vor dem „Uneingeweihten“ oft von der Maske der Skurrilität verdeckt oder das Verständnis des Lesers dann erschwerend, wenn die unbestreitbaren Lust des Autors am Fabulieren sein eigentliches Anliegen gleichsam überwuchert.

Doch war das Ehepaar mit seinen Forschungen im Bereich des Irrationalen nicht isoliert, sondern stand vielmehr in engen Beziehungen zu okkultistischen, völkisch-rassistischen Zirkeln und deren führenden Personen, vor allem im Kreis um Guido von List und besonders Jörg Lanz von Liebenfels, [81] deren pseudowissenschaftliche, aber mit dem Pathos des wahrhaft Erleuchteten propagierte Lehre der „Ariosophie“ wegen ihres Bezuges auf die damals aktuelle Gegenwart nicht nur in intellektuellen Kreisen der Zeit ihre Anhänger gefunden hat.

Nach ihr habe in vorgeschichtlicher Zeit ein Goldenes Zeitalter geherrscht, in der in Nordeuropa eine „arische Urrasse“ unter der Herrschaft einer weisen, über okkultes Wissen verfügenden Priesterschaft existiert habe. Diese reine Welt sei durch Rassenmischung zerstört worden, das Wissen der Priesterschaft sei deshalb verloren gegangen, und die Folge seien Krieg, wirtschaftliche Not und politische Unruhe gewesen. Dieses Wissen um die „arioheroischen“ Tugenden sei mit den Mitteln der Astrologie, Zahlen- und Ortsnamensymbolik, der Kabbala und anderer okkulter Forschungen und Erkenntnisse zu erneuern, um die Herrschaft der wahren Nachkommen der nordisch-germanischen Rasse, speziell der Deutschen, wieder herzustellen. Konsequenter Weise hat Lanz von Liebenfels als Oberhaupt und Propagator der von ihm gegründeten wichtigsten ariosophischen Organisation, des „Neutempler-Ordens“, weitreichende Zuchtprogramme für Arier und Sterilisationsmaßnahmen für minderwertige Rassen vorgesehen.“ [82]

Es ist evident, dass sich wesentliche Teile dieses Gedankenguts und die aus ihm resultierenden Konsequenzen in der Ideologie des Nationalsozialismus wiederfinden. Doch wäre es verfehlt, daraus auf einen geradlinig verlaufenden historischen Einfluss zu schließen zu wollen. Zwar sind die Ariosophie und ihre Apologeten zweifellos zu den unheilvollen Wegbereitern – nicht den einzigen – dessen zu zählen, das von den Nationalsozialisten aufgenommen und mit verbrecherischer Konsequenz exekutiert worden ist, doch sind sie als Symptom einer zu ihrer Zeit weit verbreiteten Geisteshaltung zwar nicht zu entschulden, aber doch zu erklären.

Die Berührungspunkte Herzmanovskys mit List und Lanz und ihren Lehren sind schon längst erkannt und eingehend dokumentarisch belegt worden, nicht nur aus seinem literarischen Werk, sondern auch in seinen sonstigen Lebenszeugnissen – vor allem durch seine aktive Mitgliedschaft beim Neutempler-Orden (als „Fra Archibald“) und seinem regen persönlichen und brieflichen Verkehr mit dem von ihm und seiner Frau (als „Familiarissin“ des Ordens „Frau Karmen“) als spirituellen Meister hochverehrten Lanz von Liebenfels. Der Glaube an das Fortwirken von Mythologemen jeglicher Art und Herkunft, an eine dem Uneingeweihten verborgene innere Gemeinschaft von Namen, Orten und Symbolen, an die Methodik der „Entkalung“ – das heißt, Begriffe mit Hilfe von Silbenauflösungen auf das Erkennen von Geheimsymbolen zurück zu führen – , der mystische Glaube an die alleinige Realität des traumhaft Erschauten, schließlich aber auch die Überzeugung von der Überlegenheit der arischen Herrenrasse über die rassisch minderwertigen Mischvölker: Diese Elemente der ariosophischen Pseudoforschung und ihrer Lehre sind von der Weltsicht und dem Werk Herzmanovskys nicht zu trennen. [83]

Doch ist Eines zu betonen: So ernst es ihm mit seinen irrationalen Forschungen auch war, so sehr er auch in das „gesamte Wahnsinnsgebäude des Lanz und ähnlicher Verrückter“ [84] verstrickt war, so wenig darf Herzmanovsky als Präfaschist, ja als überzeugter Nazi-Sympathisant eingestuft werden. [85] Vielmehr ist hier der pointierten Feststellung von Arnulf Meifert beizupflichten: „ Es ist so absurd wie erklärbar, so peinlich wie wahr: Hitler hatte in seinen Wiener Jahren die selben geistigen Quellen wie Herzmanovsky-Orlando: Guido von List und Lanz von Liebenfels mit ihrer ›Ariosophie‹ […]. Man muss aber feststellen, dass Hitler gerade so wenig Positives mit seinen Aquarelltuschereien erreicht hat, wie Herzmanovsky-Orlando Negatives angerichtet hat mit dem geisteskranken Seelenbrei von List & Lanz“. [86] Von diesem „Seelenbrei“, von Meifert als „sozusagen die Babynahrung der NS-Ideologie“ charakterisiert, hat sich auch Herzmanovsky genährt, ohne aber sich mit der NS-Ideologie – deren Ungeist seiner ganzen Persönlichkeitsstruktur nach fern war – zu identifizieren. [87] Andererseits allerdings „konnte oder wollte er nicht erkennen, dass er selbst Meister einer Terminologie war, welche die Nationalsozialisten zur Untermauerung ihrer menschenvernichtenden Ideologie aus denselben Quellen wie er erlernt haben“. [88]

So sehr jedoch diese verwirrten Ideen sein Werk auch mitbestimmt haben, so sehr stehen sie dennoch hinter dem eigentlichen Anliegen Herzmanovskys zurück, jene Welt, mit deren Untergang sein literarisches Schaffen begonnen hat und an deren Sendung zu erinnern für ihn nichts anderes war als ein Wieder-Heraufbeschwören jener Wirklichkeit, wie er sie verstanden hat: Der überzeitliche Mythos von der Habsburger-Monarchie als der letzten Erbin einer von der klassischen griechischen Antike über das alte Byzanz und das alte Venedig auf sie übergegangenen historischen Sendung, die zu bewahren und zu verwalten ihre Aufgabe sei. „Österreich ist der eigentliche Erbe der Antike – so lautet sein historisches Credo, das er hartnäckig gegen eine gewandelte politische Realität behauptet. Das ist gewiß auch als Flucht aus einer Gegenwart zu verstehen, welche die Zustimmung des Autors nicht finden konnte […] Diese Flucht ermöglichte die Errichtung von Eigenwelten, von denen aus die Gegenwart neu gedeutet werden kann“. [89]

Herzmanovsky, Zeuge und Mitbetroffener dieser sich wandelnden und gewandelten politischen Realität, hat 1914 mit der ersten Materialsammlung zu einem neuen literarischen Stoff begonnen, den er mit der im Gaulschreck angesiedelten Welt des altösterreichisch-wienerischen Biedermeier in Verbindung gebracht hat: „Während im ›Gaulschreck‹ die bornierte Beamtendummheit als polare Wirkung groteskes Geschehen gebiert, ist im zweiten Teil im goldenen Abendrot der zum Sterben verurteilten Märchenpracht des unvergleichlichen Traumreiches Österreich schon der Hauch okkulten Vorgehens ganz diskret spürbar.“ Er habe versucht,“ […] eine Essenz etwa aus dem verklungenen. verglühenden Österreich zu geben, das schon im Moment des Kriegsbeginnes zerstampft und zertrampelt war.“ [90]

Die fiktive Handlung dieses zweiten Teils der „Österreichischen Trilogie“, des Rout am Fliegenden Holländer“, dessen Niederschrift er im Jahre 1921 begann und den er in seiner endgültigen Fassung erst 1953 (also ein Jahr vor seinem Tod) zum Abschluss brachte, spielt im Vorfeld des Beginns des Ersten Weltkriegs, jenes Krieges, als dessen Folge der Zeitzeuge Herzmanovsky den Untergang der Habsburger-Monarchie miterleben musste. Aus der Fülle der sich daraus ergebenden persönlichen und historischen Bezüge will ich zum Schluss nur einige Beobachtungen zum „Epilog“ des Romanes herausgreifen. [91]

Der Autor hat für den Schauplatz seines Romans den Namen Scoglio Pomo (jetzt Otok Jabuka in Kroatien) verwendet, eines bis heute unbewohnten vulkanischen Felskegels im Adratischen Meer westlich von Lissa, den er jedoch mit der üppigen landschaftlichen Pracht der ihm wohlbekannten Insel Brioni (jetzt kroatisch Veli Brijun), eines fashionablen Treffpunkts der illustren Gesellschaft der Monarchie vor dem Ersten Weltkrieg, ausstattet. Diese literarische Vereinigung beider Realitäten wird am Ende des Romans grausam zerstört: Der fiktive Scoglio Pomo/Brioni wird von der unvermutet auftauchenden englischen Flotte in Trümmer geschossen, seine friedlichen, sorglosen Gäste finden dabei den Tod, den der Autor mit für ihn ungewöhnlich drastischen, ja blutrünstigen Details schildert. Übrig bleibt der reale, zerstörte Scoglio Pomo, „die Märchenpracht des unvergleichlichen Traumreiches Österreich“ ist untergegangen.

Herzmanovskys „Epilog“ zum Untergang dieser seiner Welt beginnt mit einer fiktiven Kaiseranekdote. Franz Joseph nimmt in seinem Arbeitszimmer sein Gabelfrühstück ein, „das historische Paar Würstel“, an dem er allerdings etwas zu bemängeln hat: Das linke Würstel, „das Sattlige“, [92] war „um gute zwei Millimeter zu lang“, obwohl „der junge Weisshappel […] Reserveleutnant bei Trani-Ulanen […] die allerhöchsten Frühstückswürstel eigenhändig spritzt […], in Uniform natürlich“, wie der Leibkammerdiener Loschek den Groll des Kaisers zu besänftigen versucht. Was diesen noch mehr verbittert: „Das ist unerhört! […] In Uniform hat er keine Würstel zu machen […] so was hat sich nicht einmal der Radetzky erlauben dürfen…“. Dazu könnte zwar angemerkt werden: Das Paar Würstel war keineswegs „historisch“, der „junge Weisshappel“ hat nicht im Ulanenregiment Nr. 13 (Trani-Ulanen), sondern im Infanterieregiment Nr. 4 (Hoch- und Deutschmeister) gedient, (Johann) Loschek war nicht der Leibkammerdiener Franz Josephs, sondern der des Kronprinzen Rudolf. [93] Aber doch haben diese Realien trotz der Skurrilität der „allerhöchsten Frühstückswürstel“ und der scheinbaren Nachlässigkeit im Umgang mit biographischen Fakten ihre Bedeutung als historische Aussage: Die bekannte Genauigkeit Franz Josephs in Sachen der korrekten militärischen Uniformierung wird, wenn sie auf ein bürgerlich-harmloses Paar Würstel projiziert wird, zur skurrilen Marotte eines alten Mannes, die „Transferierung“ Weisshappels zu den Trani-Ulanen, weist auf ein traditionsreiches, in der Armeegeschichte der Monarchie berühmt gewordenes Reiterregiment hin, [94] zu der das Wurstspritzen des Selchers und k.u.k. Hoflieferanten Ludwig Weisshappel in skurrilem Gegensatz steht. [95] Auf einer ernsteren Ebene zu sehen ist der von Herzmanovsky, wie ich denke, bewusst vorgenommene Namenstausch zwischen Eugen Ketterl, dem zur Zeit der Handlung (bis zum Tod des Kaisers 1916) fungierenden Leibkammerdiener Franz Josephs, und Johann Loschek, dem Kammerdiener des Kronprinzen Rudolf und einem der Hauptzeugen der Tragödie von Mayerling, womit der letzte vertraute Diener des Sohnes zum letzten vertrauten Diener des Vaters gemacht wird. [96]

Herzmanovsky lässt nun den Ministerpräsidenten Graf Paar beim Kaiser eintreten und diesem die Zerstörung des Scoglio Pomo durch die englische Flotte melden. Man könne aber froh sein, dass „dieser historische Nonsens – ja – auf diese Art aus der Welt geschafft sei“, denn: „Wem hat’s wirklich gehört? Der Republik Venedig, bitte? Die hat aber dieser dalkete Gschaftlhuber, der Napoleon, zerstört, ohne daß es ihm jemand geschaffen hat […] No, und ich bitte, der gottselige Urgroßonkel von Eurer Majestät hat auch anno 15 am Wiener Congreß auf den Venezianer Auslandsbesitz, auf Kreta, Cypern und die ganzen Inseln verzichtet. Nicht einmal gewußt haben damals die Herren vom Auswärtigen Amt, wo das alles liegt […] Und da sollen wir uns um das Brösel… was?! Gewesenes Brösel! des venezianischen Erbes exponieren, das als a ganzer nicht einmal die Knochen auch nur eines Gefreiten von den 28ern wert ist … und Majestät wissen, was das heißt!“ ‚Also lassen wir das‘, vernahm man den Kaiser“.

Auch hier sind historische Ungenauigkeiten des Autors festzustellen: Eduard Graf von Paar war der Erste Generaladjutant des Kaisers, nicht Ministerpräsident, [97] die zum Osmanischen Reich gehörigen Inseln Kreta und Zypern waren nicht Gegenstand der Verhandlungen beim Wiener Kongress 1815, „die ganzen Inseln“ der 1797 von Napoleon liquidierten Republik Venedig (d. h. die im Ionischen Meer gelegenen Inseln Korfu, Kephalonia, Zante/Zakynthos, Santa Maura/Leukas, Ithaka, Cerigo/Kythera und Paxo) wurden erst in einer nachträglichen Konvention von Österreich abgetreten und zu einem unabhängigen, allerdings unter dem Protektorat Englands stehenden Staat mit dem Namen „Vereinigte Staaten der Ionischen Inseln“ zusammengefasst. [98]

Doch diese Abweichungen von der historischen Wirklichkeit im „Epilog“ sind unwesentlich gegenüber dem Ausdruck der Betroffenheit des Autors von seiner eigenen Gegenwart, dem Epilog auf seine eigene, untergegangene Welt. Eine Schlüsselstelle bildet dabei die Bemerkung des Grafen Paar, dass dieses venezianische Erbe „nicht einmal die Knochen nur eines Gefreiten von den 28ern wert“ sei. „Und Majestät wissen, was das heißt!“

Mit den 28ern ist das k. u. k. Infanterieregiment Nr. 28 gemeint, ein traditionsreiches, bereits 1698 errichtetes und 1817 nach Prag verlegtes Regiment, dessen Mannschaft vorwiegend aus Tschechen bestand. Es war im Weltkrieg Gegenstand einer Affäre, die der tschechische Schriftsteller Jaroslav Hašek in seinem Roman Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk aufgegriffen hat. Er zitiert dazu u.a. ein Dokument: „Armeebefehl vom 17. April 1915. Schmerzerfüllt verordne ich, daß das k. u. k. Infanterie-Regiment Nr. 28, wegen Feigheit und Hochverrat vor dem Feinde, ausgestoßen werde aus meinem Heere. Die Fahne ist dem Regimente abzunehmen und dem Heeresmuseum einzuverleiben. Die Geschichte des Regimentes, das vergiftet in seiner Moral von Hause aus ins Feld gezogen ist, hat mit heutigem Tage aufgehört. Franz Joseph m. p.“ [99]

Hašek zitiert hier allerdings eine der sehr rasch verbreiteten gefälschten Versionen dieses Befehls, die als Argument der Deutschnationalen im Reichsrat für einen angeblichen Verrat der Tschechen an der Monarchie dienten, danach aber in der Tschechoslowakischen Republik als Paradigma für den Anteil der tschechischen Soldaten und Offiziere am Widerstand gegen diese und damit als Beitrag zum Sieg der Entente mythologisiert wurden. [100]

Der mit diesem Armeebefehl verbundene historische Tatbestand ist, wie Richard Lein festgestellt hat, ein ganz anderer: „Grundsätzlich wurde nach dem Ende des [Ersten Welt-] Krieges von beiden Seiten, Tschechen wie Deutschen, impliziert, dass die tschechischen Soldaten der k. u. k. Armee […] an der Front nur schlecht gekämpft und sich schließlich in großer Zahl den Truppen der Entente, allen voran jedoch der russischen Armee ergeben hätten. In diesem Zusammenhang wurde zumeist das Schicksal der mehrheitlich aus tschechischer Mannschaft bestehenden Infanterieregimenter 28, 35 und 75 ins Treffen geführt, denen unterstellt wurde, sich im Gefecht bei Eszetebkhuta im April 1915 (IR 28) […] dem Gegner freiwillig und ohne ersichtlichen Grund ergeben zu haben.“ [101] Tatsächlich ist das IR 28 (genauer gesagt zwei seiner Bataillone) bei diesem Gefecht nicht zu den Russen übergelaufen, sondern wurde, personell und materiell ausgeblutet und auf einem unhaltbaren Frontabschnitt eingesetzt, von eingekreist und völlig aufgerieben. Das wurde von den Befehlsstellen der Armee dem Kriegsministerium als Desertion hingestellt, was zu der Auflösung Regimentes führte. Dessen Rehabilitierung und Wiederaufstellung noch im Dezember 1915 wurde der Öffentlichkeit verschwiegen.

Wie auch immer: Herzmanovsky konnte diese historische Wirklichkeit nicht kennen, der Verrat der 28er (und der Tschechen überhaupt) an der Monarchie war für ihn Tatsache, die er, wie so oft, hinter der Maske einer im legèren Ton angebrachten Andeutung verbirgt. Der Bezug auf den Weltkrieg wird durch eine Anspielung auf den österreichischen Bündnispartner noch verstärkt: Die Bemerkung des Grafen Paar über die „Knochen auch nur eines Gefreiten von den 28ern“ entspricht nämlich einer Äußerung Otto von Bismarcks, mit der er 1876 die Nichteinmischung Deutschlands in die sogenannte Balkanfrage Frage begründet hatte: „Ich werde zu irgend welcher activen Betheiligung Deutschlands an diesen Dingen nicht rathen, solange ich in dem Ganzen für Deutschland kein Interesse sehe, welches auch nur – entschuldigen Sie die Derbheit des Ausdrucks – die gesunden Knochen eines einzigen pommerschen Musketiers werth wäre.“ [102]

So weitet sich Herzmanovskys „Epilog“ zum Untergang des Scoglio Pomo zum Epilog auf den Untergang seiner eigenen Welt.

1 Erweiterte Fassung des am 2.5.2012 in der Grillparzer Gesellschaft gehaltenen Vortrags.

2 Zitiert nach: Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Sämtliche Werke [im Folgenden S. W.]. Herausgegeben im Auftrag des Forschungsinstituts ›Brenner-Archiv‹ unter der Leitung von Walter Methlagl und Wendelin Schmidt-Dengler, Verlag Zweitausendundeins, o. O. u. J. Hier Bd. III, Das Maskenspiel der Genien, hrsg. und komm. von Susanna Goldberg, S. 12f.

3 P. Kruntorad, Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Tarockanien, in: Die zeitgenössische Literatur Österreichs, hrsg. von H. Spiel, Zürich – München o. J., S. 204.

4 Jede seriöse Beschäftigung mit Werk und Leben Herzmanovskys hat von der Anm. 2 zitierten historisch-kritischen Ausgabe und deren reichen Kommentaren auszugehen. Mein Vortrag ist als deren Erweiterung, Ergänzung und im gegebenen Fall auch Richtigstellung gedacht. – Die diesbezügliche germanistische Literatur ist seit den verdienstvollen Pionierarbeiten stark angewachsen: A. Barthofer, Das Groteske bei Fritz von Herzmanovsky-Orlando, phil. Diss. Wien 1965, J. Ties, Das Bild Österreichs bei Fritz von Herzmanovsky-Orlando, phil. Diss. Innsbruck, 1966, B. Bronnen, Fritz von Herzmanovsky-Orlando: Original und Wirklichkeit, phil. Diss. München 1965, M. Freiin v. Gagern, Ideologie und Phantasmagorie. Fritz von Herzmanovsky-Orlando, phil. Diss. München 1972. Richtungsweisende Überlegungen finden sich bei W. Schmidt-Dengler, Groteske und geordnete Wirklichkeit. Anmerkungen zur Prosa Fritz von Herzmanovsky-Orlando, in: Österreich in Geschichte und Literatur, Jg. 14, 1970. Hinzuweisen ist auch auf Phantastik auf Abwegen. Fritz von Herzmanovsky-Orlando im Kontext, hrsg. von B. Fetz, – K. Ma – W. Schmidt- Dengler, Bozen 2004.

5 P. Kruntorad (wie Anm. 3), S. 204.

6 Wie man den Wiener Humanisten und Historiographen Wolfgang Lazius bereits zu seinen Lebzeiten im 16. Jahrhundert charakterisiert hat. Das Zitat stammt aus J. Schwerdfeger, Die historischen Vereine Wiens 1848 – 1908, Wien 1908, S. 176.

7 S. W., Bd. I, Der Gaulschreck im Rosennetz, hrsg. und komm. von S. Kirschl-Goldberg, S. 142.

8 Siehe etwa J. G. Schlager, Die Kammerzwerge und -zwerginnen am römischen Kaiserhofe vom Jahre 1543 – 1715, in: Blätter für Landeskunde von Niederösterreich, Jg. 2, Wien 1866, S. 213–216, 229–232 und G. Gugitz, Zwerge und Mohren in Alt-Wien, in: Wiener Geschichtsblätter, Jg. 14, Wien 1959, S. 32–36.

9 „Er war zu Istrien 1814 geboren, der Sohn wohlgeformter Eltern und gehörte mit seiner Gestalt eines dreijährigen Kindes, dem richtigsten Ebenmaße seines winzigen, 2 Schuh 10 Zoll messenden und 23 Pfund wägenden Körpers zu den merkwürdigsten und interessantesten Natur-Erscheinungen. Im Jahre 1833 wurde er zuerst in Wien in seiner Nationaltracht gezeigt und erregte durch seine geistigen Vorzüge nicht minder Aufsehen als durch seine kleine Gestalt. Er sprach geläufig Illyrisch, Italienisch, Croatisch und Deutsch, spielte Violine, blies fertig auf seinem National-Instrumente, einer Art Doppelpfeife, und war ein geschickter Billardspieler, Maler, Reiter, Jäger und Pistolenschütze. Von Wien aus bereiste er England und Frankreich und hielt sich längere Zeit in Paris auf, wo er in einem bekannten Bade sehr besuchte Bälle gab. In den Vierziger-Jahren kehrte er nach Wien zurück und erhielt von Seite des kaiserlichen Hofes viele Gunstbezeigungen, bewohnte Laxenburg und wurde gewöhnlich bei Hoftafeln den fremden hohen Gästen vorgestellt. Kaiser Ferdinand machte ihn zum Tafeldecker und als solcher genoß er bis zu seinem Lebensende die Pension. Er hinterläßt eine Witwe mit vier stattlich gebauten Kindern [….]“. - Nebenbei: „Gullia“, eine Ableitung von „Goliath“, war sicherlich nicht der Familienname des Zwerges und sollte nur die Diskrepanz zwischen seiner Körpergröße und der des biblischen Riesen ironisieren.

10 Ein Verweis auf den als Anagramm zu lesenden Namen der Kammerzofe „Steigenfierer“ (Gaulschreck, S. 96) soll genügen.

11 Raimunds Werke, hrsg. von R. Fürst, Berlin – Leipzig etc., o. J., Tl. 1, 2. Aufzug, 19. Szene.

12 Gaulschreck, S. 52f.

13 Vgl. R. Backmann, Vor Grillparzers letztem Verzicht, in: Jahrbuch der Grillparzer- Gesellschaft, N. F., Bd. 4, Wien 1944, S. 96f., und G. Gugitz, Bibliographie zur Geschichte und Stadtkunde von Wien, Bd. 3, Wien 1956, S. 373.

14 Gaulschreck, S. 12.

15 Zu diesem s. F. Czeike, Historisches Lexikon Wien, Bd. 1, Wien 1992. Bermann war zwar höchst belesen und ein eifriger Sammler und Publizist besonders auf dem Gebiet der Personen- und Stadtgeschichte Wiens, seine noch immer beachtenswerten historischen Hinweise leiden aber darunter, dass er seine Quellen nur selten angibt.

16 Vgl. M. Bermann, Sagen und Geschichten aus der Kaiserstadt Wien, 3. Aufl., Stuttgart o. J., S. 137ff. Ein kaiserlicher Kammerzwerg Lukas Zitteral (auch Ziterol) ist in Wien, 19.6.1704, 70 Jahre alt, gestorben (s. Gugitz, wie Anm. 8, S. 34).

17 Gaulschreck, S. 14.

18 E. K. Blümml, Die Schmauswaberl, in: ders. – G. Gugitz, Altwienerisches. Bilder und Gestalten, 2. Aufl., Wien – Prag – Leipzig 1921, Bd. 1, S. 122ff., 398ff.

19 Vgl. M. Bermann, Maria Theresia und die Schmauswaberl vom Spittelberg. Historischer Roman…, Wien o. J., S. 12: „Ach“, seufzte sie endlich, „wenn ich nur immer die Ueberreste dieser köstlichen Tafel haben könnte […] Da wär’s doch viel vernünftiger, wenn man sie um ein Billig’s an eine Auskocherin überlassen möcht‘ […] No und damals dachte ich mir, wenn ich so die Ueberreste von die Hoftafeln um ein Billig’s bekäm‘, könnt ich’s wieder billig an’s Publikum verkaufen […]“ mit Herzmanovsky, Gaulschreck, S. 14: „[…] da hätte er noch das Extrabene, daß seine Frau, beziehungsweise die älteste Tochter, als landesfürstliches Privileg statt der bekannten Auskocherin, der Schmauswaberl, die allerhöchsten Überreste von der Hoftafel zum freihändigen Verkauf bekäme“.

20 Gaulschreck, S. 87. Vgl. W. Kisch, Die alten Strassen und Plaetze Wien’s, Wien 1883, S. 153. – Zu Kisch s. Czeike (wie Anm. 15), Bd. 3, 1994.

21 Gaulschreck, S. 59.

22 Kisch (wie Anm. 20), S. 642.

23 W. Kisch, Die alten Strassen und Plaetze von Wien’s Vorstaedten, Bd. 2, Wien 1895, S. 556.

24 Siehe Czeike (wie Anm. 15), Bd. 5, 1997 (Stichwort „Strampfertheater“), Bd. 3, 1994 (Stichwort „ Igel, zum roten“) und Gugitz (wie Anm. 13), Bd. 3, S. 363 f.

25 F. Schlögl, Wiener Luft, Wien – Pest – Leipzig o. J., S. 62. Zu Schlögl s. Österreichisches Biographisches Lexikon 1815 – 1950, Bd. X, Wien 1994.

26 Zu diesem und seiner prunkvollen Einrichtung s. Czeike (wie Anm. 15), Bd. 1, 1992. – Der Gaulschreck S. 70 genannte „Olymp steif gemalter Götter“, der auf die Besucher niederblicke, entspricht den Tatsachen: Eine zeitgenössische Schilderung (Der Apollosaal. In seiner neuesten Umgestaltung, Wien 1809, S. 9) erwähnt die Decke eines seiner Speisesäle „mit Vorstellungen aus der Götterlehre“.

27 Gaulschreck, S. 67. – Tatsächlich gehörten die Admirale der III. und die Hofräte nur der V. Rangsklasse (von insgesamt XI) an.

28 Gaulschreck, S. 47, 68.

29 Zu ihm siehe S. W., Bd. X, Sinfonietta Canzonetta Austriaca. Eine Dokumentation zu Leben und Werk , hrsg. und komm. von Susanna Goldberg und Max Reinisch, s. Reg., und Österreichisches Biographisches Lexikon 1815 – 1950, Bd. VII, Wien 1978.

30 Gaulschreck, S. 46: „War doch die chronologische Darstellung der weiblichen Toilettengeheimnisse seine größte Schwäche, und eine sehr geschätzte Monographie des Bidets hatte ihm, in den Ländern wenigstens, wo man dieses frivole Möbelstück kannte, den Ruf als namhafter Privatgelehrter gesichert“.

31 „Funzen“: „Schimpfwort für eine unangenehme, eingebildete Frau“ ( Österreichisches Wörterbuch, 42. Aufl., Wien 2012. Es soll an dieser Stelle auf die häufige Verwendung von „sprechenden“ Namen im Gaulschreck hingewiesen werden: Da gibt es etwa den Hofrat Unklar von Dobblworth, den Kammerkalligraphen Futzler, den Rechnungsrat Kreibezahl (alle S. 17), die Diurnisten (subalternen Hilfsbeamten) Kuscher und Schluckentritt (S. 21), die „protzige, ordinär aussehende Hofmetzgerswitwe“ Beischl (S.31), den Major Krachovina von Bombensprung (S. 38), Matthias Würstl, den „Selcherfürst vom Schottenfeld (S. 65), den Dirigenten Flohhirt (S. 71), den Wirt Mathias Speibenwein, den „bürgerliche Pfeifenmaler Ignaz Maria Dunstköpfl, „Lambert Mummers Maskenleihanstalt für einen hohen Adel und die bessren Stände“ (alle S. 94; hinter dem letzteren ist unschwer die noch heute bestehende Kostüm-Leihanstalt Lambert Hofer zu erkennen) oder den Uhrmacher Peregrin Unruh (S. 120). Einen besonderen Fall stellen die Hauptleute der Trabantenleibgarde Stojesbal von Standschlaf und Quapil Edler von Sumpfritt dar (S. 17). Beide Namen weisen auf den von dieser kaiserlichen Leibgarde zu versehenden Wachtdienst hin: Das tschechische „Stojesbal“ bedeutet im Deutschen „einer, der im Stehen schläft“, wogegen – e contrario – „Quapil“ vom tschechischen „kvapiti“ („eilen“) kommt.

32 Gaulschreck, S. 139.

33 Gaulschreck, S. 142.

34 Eigentlich Endletzberger. Siehe Biedermeier-Wünsche, hrsg. von G. E. Pazaurek, Stuttgart o.J., und R. Witzmann, Freundschafts- und Glückwunschkarten aus dem Wiener Biedermeier, Dortmund 1979, bes. S. 189.

35 Zu Degen s. H. Pemmer – N. Lackner, Der Erfinder Jakob Degen, in: Wiener Geschichtsblätter, Jg. 23, 1968, S. 363ff., und Czeike (wie Anm. 15), Bd. 2, 1993.

36 Lehmann’s Allgemeiner Wohnungs-Anzeiger nebst Handels- und Gewerbe-Adreßbuch für … Wien, Jg. 43, Wien 1901, Bd. 1, S. 1026: „Netschek F. M. Gegründet im Jahre 1846. Prämiiert in Paris und London. Civil- und Uniform-Schneider ... Wien IV., Große Neugasse 17. Uebernimmt Maß-Bestellungen für Civil, k.u.k Militär und Beamten [!] zu billigsten Preisen“.

37 Gaulschreck, S. 16f.

38 Gaulschreck, S. 65. Siehe das Verzeichnis im BAK-Index, Bildarchiv und Graphiksammlung der Österreichischen Nationalbibliothek (katzoom.onb.ac.at/cgi-bin/katzoom/katzoom/pl?katalog=2).

39 Vgl. M. v. Alth, Burgtheater 1776–1976. Aufführungen und Besetzungen von zweihundert Jahren, Wien o.J., S. 328, 381, 428–434 und A. Schnitzler. Tagebuch 1909–1912, Wien 1988, 1917–1919, Wien 1985, und 1923–1926, Wien 1995, alle s. Reg. Sie hat bis ca. 1930 in Wien gelebt und sich laut Auskunft des Wiener Stadt- und Landesarchivs (MA 8-B-MEW-338385/2014) am 18.6.1937 nach Innsbruck abgemeldet.

40 Gaulschreck, S. 31.

41 Gaulschreck, S. 17.

42 Siehe Monatsblatt des Altertums-Vereines zu Wien, Bd. 7 (1903–1905), Wien o.J., S. 172.

43 Etwa Gaulschreck, S. 26: „ Daß die hohe Frau zum Frühstück stets einen viertel Eimer Schokoladi und einen ganzen, frischbachenen vierpfündigen Stritzel zu genehmigen pflegte; ein halbes Dutzend Bachhendeln und Käs beendeten in der Regel dieses erste Frühstück, mit dem die Grundlage zur Zehnuhrjausen gelegt war“.

44 Gaulschreck, S. 27–30.

45 Gemeint ist die Belagerung der kaiserlichen Festung Neuhäusel (jetzt Nové Zámky, Slowakei) im Krieg gegen das Osmanische Reich (1663). Entgegen der Darstellung durch Herzmanovsky bestand – ganz abgesehen von der chronologischen Distanz – für die Habsburger kein Grund, sich über dieses Ereignis zu freuen, da die Türken diese Festung tatsächlich erobert haben und sie auch nach dem Friedensschluss von Vasvár (1664) in deren Besitz verblieben ist.

46 Siehe Beiträge zur Geschichte der Gewerbe und Erfindungen Oesterreichs …, red. von W. F. Exner, Reihe 1, Wien 1873, S. 207f. und Allgemeines Adreß-Buch und Geschäftshandbuch für … Wien und dessen Umgebung, Jg. 1, Wien 1859, S. 397, bzw. Lehmann (wie Anm. 36), Jg. 41, Wien 1899, Bd. 1, S. 563.

47 Gaulschreck, S. 51. Zu Girolamo Muziano s. ebd., S. 208.

48 Siehe den Artikel „Guido Cagnacci“ in wikipedia, mit Verweis auf den ausführlichen Artikel „Guido Cagnacci. Protagonista del Seicento tra Caravaggio e Reni“, abrufbar auf italica.rai.it.

49 Gaulschreck, S. 40.

50 Diese Metonymie liegt auch der Ankündigung „Freitag ist Samstag“ (d. h.: Das Freitagstreffen wird diesmal am Samstag stattfinden“) zugrunde, eines der Verdachtsmomente der Wiener Polizei gegenüber dem aus der Grillparzer-Biographie bekannten Künstler-Geselligkeitsverein „Ludlamshöhle“.

51 Gaulschreck, S. 43.

52 S. W., Bd. VI, Kaiser Josef II., und die Bahnwärterstochter, hrsg. und komm. von K. Kircher, S. 143.

53 Kaiser Josef II., S. 142. Zur Entstehung und Rezeption des Stückes s. S. 342ff.

54 S. W., Bd. Bd. IX, Skizzen und Fragmente, hrsg. und komm. von K. Ma-Kircher und W. Schmidt-Dengler, S. 28.Die Vergabe der Tabaktrafiken erfolgte (und erfolgt) möglichst unter sozialen Gesichtspunkten, etwa an Invalide, Witwen oder Waisen.

55 Siehe O. Mitis, Jagd und Schützen am Hofe Karls VI., Wien 1912, S. 30f.

56 Gaulschreck, S. 86.

57 J. Lanz von Liebenfels, Theozoologie, Bd. 2, Wien – Leipzig – Budapest, o. J., S. 39: „So brachte die WZ [Wiener Zeitung] 1803, 8. August die amtliche Nachricht, daß der Wassermann vom Hasag [!] [Sumpfgegend südlich vom Neusiedlersee] wieder gesehen worden war, den man 1776 gefangen und porträtiert hatte. Beachtenswert ist, daß die Leute den ›Moor-Stefan‹ für einen Halbgott halten“. Zu diesem auch „Waasensteffel“ genannten „Wassermann“ s. L. Presich-Petuelli – W. Meyer, Burgenland in Bild und Sage, Eisenstadt – Wien 1986, S. 91f., mit Literatur S. 200, der zufolge diese Sage auf eine tatsächliche Person zurückgeht. Übrigens ist die Wiener Zeitung zum von Lanz genannten Datum nicht erschienen. – Zu Lanz siehe W. Daim, Der Mann, der Hitler die Ideen gab. Die sektiererischen Grundlagen des Nationalsozialismus, 2. Aufl., Wien – Köln – Graz 1985 (Daims bereits im Titel formulierte Grundthese ist allerdings nicht mehr haltbar), L. Pamer, Jörg Lanz von Liebenfels – der Mann, der Hitler die Ideen gab (www.antifa.co.at/antifa/lanz.pdf) und S. W., Bd. X, S. 193f. Siehe auch weiter unten.

58 H. Prutz, Bismarcks Bildung. Ihre Quellen und ihre Äußerungen, Berlin 1904, S. 90

59 Gaulschreck, S. 48.

60 Gaulschreck, S. 123.

61 Vgl. W. Mayer, Spittelberg (= Wiener Bezirkskulturführer 27), Wien 1981, und Czeike (wie Anm. 15), Bd. 5, 1997. Eine lebendige und wirklichkeitsgetreue Schilderung durch den Wiener Feuilletonisten und Sittenschilderer Friedrich Schlögl, Spittelberger Elegien, findet sich in ders., Wiener Luft, Wien – Pest – Leipzig 1875, S. 252–260.

62 K. Giglleithner (Pseudonym für E. K. Blümml) – G. Litschauer (Ps. für G. Gugitz), Der Spittelberg und seine Lieder, Wien 1924.

63 Zu ihr siehe F. Schlögl, Bei den Volkssängern und Volkssängerinnen, in: ders., Wiener Blut, Wien – Pest – Leipzig 1893, bes. S. 151–155, und Czeike (wie Anm. 15), Bd. 4, 1995 (unter „Mansfeld, Antonie“).

64 Zitiert nach R. Holzer, Wiener Volks-Humor, Wien 1943, S. 178. Vgl. dazu auch den Kommentar im Gaulschreck, S. 221.

65 L. Abafi, Geschichte der Freimaurerei in Oesterreich – Ungarn, Bd. 1, Budapest 1890, S. 132ff. Vgl. dazu E. Lennhoff – O. Posner, Internationales Freimaurerlexikon, Wien 1932 (unter „Feigenbruderschaft“) , und die Bibliographie bei G. Gugitz (wie Anm. 13), Bd. 1, Wien 1947, S. 364 (unter „Feigenbrüderschaft“).

66 Gaulschreck, S. 221.

67 S. W., Bd. IV, Cavaliere Huscher oder von Ybs verhängnisvolle Meerfahrt, hrsg. und komm. von K. Ma-Kircher und W. Schmidt-Dengler, S. 9.

68 Zu den zahlreichen, z. B. den Rout am Fliegenden Holländer oder Das Maskenspiel der Genien (s. u. Anm. 69) bevölkernden einzelnen skurrilen Gelehrtenfiguren und der hier geschilderten Sitzung der 1847 gegründeten und bis heute bestehenden „Kaiserlichen Akademie der Wissenschaften in Wien“ (seit 1947 „Österreichische Akademie der Wissenschaften“) gehört hierher auch die Sitzung der „Akademie der Fische“ im Maskenspiel der Genien, S. 170–172 (mit Komm., S. 533) und jene der Sitzung der „Academia Claudia Felicitas in Innsbruck“ im Tyroler Drachenspiel (s. Anm. 54), S. 15–27.

69 S. W., Bd. III, Das Maskenspiel der Genien, hrsg. und komm. von S. Goldberg, S. 173.

70 W. Schmidt-Dengler (wie Anm. 4), S. 194: „Nicht nur die Behörde und Industrie unterliegen bei Herzmanovsky der Sinnlosigkeit und so absurder Logik. Auch die Wissenschaft und ihre prominenten Vertreter befassen sich mit so fruchtlosen Fragen wie der, ›ob Archimedes oder Raimundus Lullus als der Erfinder des Geduldspiels anzusehen sei‹“.

71 Meyers Konversations-Lexikon, 4. Aufl., Bd. 10, Leipzig 1888, S. 1001.

72 Zu diesem s. Maskenspiel (wie Anm. 69), S. 464–466. – Eine ausführliche Zusammenfassung des Inhalts des Romans und dessen Deutung hat Herzmanovsky selbst gegeben (ebd., S. 459–461).

73 J. Ties, wie Anm 4, S. 205f.

74 Maskenspiel, S. 19f.

75 W. Schmidt-Dengler (wie Anm. 4), S. 194.

76 O. Samwald, Das Auftreten des Seidenschwanzes Bombycilla garrulus (Linnaeus, 1750) in der Steiermark, in: Joannea Zoologie, Bd. 7, Graz 2005, S. 20.

77 Zu ihn s. A. Schaffer, Pfarrer P. Blasius Hanf als Ornitholog, St. Lambrecht 1904, bes. S. 92f., Neue deutsche Biographie, Bd. 7, Berlin 1966, und Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. II, 2. Aufl., 1993.

78 Zitat nach S. W., Bd. X, S. 307. Zur Beziehung Herzmanovskys zu dem Maler, Graphiker und Schriftsteller Alfred Kubin s. ebd., s. Reg. Grundlegend für die Beurteilung von deren trotz aller geistigen Berührungspunkte nur im persönlichen, nicht aber im künstlerischen Bereich angesiedelten lebenslangen Kontakte ist die kommentierte Briefausgabe von M. Klein, Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Der Briefwechsel mit Alfred Kubin 1903 bis 1952 (= Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Sämtliche Werke in zehn Bänden, Bd. VII), Residenz Verlag Salzburg – Wien, 1983, bes. S. 314–316. – Ich bin in meinem Aufsatz auf den zweite Aspekt von Herzmanovskys künstlerischem Profil, den des Graphikers und Malers, nicht eingegangen, obwohl zwischen diesem und seinem literarischen Werk durchaus eine Bindung besteht. Es sei lediglich auf den Katalog der 47., Herzmanovsky gewidmeten Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien , erschienen Wien 1977, hingewiesen, in dem Robert Waissenberger (S. 20–25) eine konzise Einführung in das außerordentlich umfangreiche, von der Kunstgeschichte erst spät gewürdigte graphische Werk des Künstlers bietet. Von grundlegender Bedeutung sind die Salzburg 1984– 997 erschienenen acht Bildbände von M. Kopriva (Bd. 1: Eine Auswahl von Zeichnungen, Skizzen und Aquarellen 1893–1899; Bd. 2: Eine Auswahl von Zeichnungen, Skizzen und Aquarellen 1900–1917; Bd. 3: Druckgraphik: Radierungen und Holzschnitte; Bd. 4: Zeichnungen 1918–1920; Bd. 5: Skizzen 1918–1920; Bd. 6: Zeichnungen und Skizzen 1921–1954; Bd. 7: Zeichnungen und Skizzen zur eigenen Literatur; Bd. 8: Entwürfe, Scherenschnitte, Exlibris) und ganz besonders die umfassende Publikation von A. Meinert, Forscher im Zwischenreich. Der Zeichner Fritz von Herzmanovsky Orlando, hrsg. von M. Kopriva, St. Pölten – Salzburg – Wien 2012.

79 Zu dieser s. S. W., Bd. X, s. Reg.

80 S. W., Bd. X, S. 121f.

81 Zu List s. Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. V., Wien 1993, zu Lanz s. Anm. 57.

82 Als Quelle für diesen Abschnitt habe ich den wikipedia-Artikel „Ariosophie“ (Zugriff: 1.9. 2014) verwendet.

83 Vgl. die grundlegende Behandlung dieser Thematik in der kommentierten Briefausgabe von Max Reinisch, Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Ausgewählte Briefwechsel 1885 bis 1954 (= Fritz von Herzmanovsky-Orlando. Sämtliche Werke in zehn Bänden, Bd. VIII, Residenz Verlag Salzburg – Wien, 1989, S. 378–385.

84 A. Meifert, Fra Archibald und Frau Karmen, Pataideologen, in: ders., Forscher im Zwischenreich. Der Zeichner Fritz von Herzmanovsky-Orlando, St. Pölten – Salzburg – Wien, 2012, S. 58.

85 Er wird im Forschungsprojektendbericht: Straßennamen Wiens seit 1860 als „Politische Ereignisorte“. Erstellt im Auftrag der Kulturabteilung der Stadt Wien (MA 7). Projektleitung O. Rathkolb, Wien 2013, S. 260, in die Gruppe „C – 75 Fälle mit demokratiepolitisch relevanten biographischen Lücken“ eingereiht. Diese Einstufung wird vom Autor P. Antengruber mit einer Mitgliedschaft Herzmanovskys zur NSDAP und seiner Verbindung mit Lanz von Liebenfels begründet. Vgl. dazu aber S. W., Bd. X, S. 331, 336, 340.

86 Meifert (wie Anm. 84), S. 51.

87 Siehe auch seine, allerdings 1948 niedergeschriebenen Lebenserinnerungen (S. W., Bd. IX, Skizzen und Fragmente, hrsg. und komm. von K. Ma-Kircher und W. Schmidt-Dengler, S. 89: „Ich bin nur ein bescheidenes Exemplar der Kronen der Schöpfung, froh, daß ich nicht einer der »Kronen der Geschichte bin», kein verdammter Schweinehund wie Napoleon, Caesar, Hitler oder dergleichen Mensch gewordene Teufelsfäkalien – nein, bloß ein begeisterter Dichter der Venus, ein tiefer Verehrer des weiblichen Weltenelementes, ein erbitterter Feind des männlichen Marses oder des Saturnes“). Vgl. seine zweifellos ehrlich gemeinte Beurteilung Hitlers in der leider undatierbaren Skizze Unser Dümmster, ebenda, S. 137, mit Komm. S. 319: “»Jetzt kommt unser Dümmster. Ein hoffnungsloser Fall. Also: Schuldiener! Lassen Sie das Früchterl herein.» Eintritt. »Wie heißest du, Bursche?» »Schickelgruber Alois.» Jetzt bist du zum fünften Mal in der ersten Klasse!» Alois glotzt blöd. »Ttt. Ja, ja. Jetzt sag uns, was willst du denn einmal werden? »Der Firer des deutschen Folkes.»“.

88 S. W., Bd. X, S. 397

89 W. Schmidt-Dengler, Das literarische Schaffen, in: Fritz von Herzmanovsky-Orlando … 47. Sonderausstellung des Historischen Museums der Stadt Wien … Wien 1977, S. 17f.

90 S. W., Bd. X, S. 268, 273.

91 S. W., Bd. II, S. 218ff.

92 Der „Sattlige“ wurde in der Fachsprache der Fahrkunst das im Gespann links gehende Pferd (auf dem - im Gegensatz zum leer gehenden rechten, dem „Handigen – der Reiter saß) genannt. Herzmanovsky lässt den Kaiser bewusst einen Ausdruck aus dessen vertrauter Umwelt verwenden.

93 Weder das Gabelfrühstück noch das Paar Würstel sind „historisch“. Tatsächlich hat Franz Josef um 5 Uhr früh gefrühstückt und dann bis zum Mittagessen nichts mehr gegessen (vgl. die Erinnerungen seines Kammerdieners Eugen Ketterl, Der alte Kaiser. Wie nur Einer ihn kannte, Wien – München – Zürich – Innsbruck 1980, S. S. 25f., und J. Cachée, Die Hofküche des Kaisers, Wien – München 1985, S. 88, die auch auf den üblichen, sehr frugalen Speisezettel des Kaisers eingehen). Herzmanovsky hat die Vorliebe auch des höheren österreichischen Beamtenstandes für die an sich kleinbürgerlichen Würstel mehrmals auch auf das Kaiserhaus übertragen (so auch in Kaiser Joseph II. und die Bahnwärterstochter, S. 89f., wo die naive Protagonistin Nozerl, mit Joseph Würstel essend, die „hohen Herren um den Kaiser“ als „Großwürstelträger“ versteht). Diesen Kontrast steigert er noch, indem er dem Kaiser Ferdinand noch eine Vorliebe für das sogenannte „Hundsfutter“ (dem Fett vom Prager Schinken) zuschrieb (Scoglio Pomo, S. 320, Anm. zu S. 218). Vgl. dazu auch seine „Gesellschaftskomödie“ Prinz Hamlet der Osterhase oder „Selawie“ oder Baby Wallenstein, S. W., Bd. VI, hrsg. und komm. von K. Kircher, S. 280, wo einem verarmten ungarischen Magnaten der Rat gegeben wird: „[…] und zum Souper kann Durchlaucht um fünf Kraizer Hundsfutter beim Selcher kaufen – so einen Haufen kriegt sie! Bitt dich, heute lebt die Créme der wirklich guten Gesellschaft nicht anderscht! Bitt dich! Und mit Paprika kann man rot färben, wenn Jourfix ist.“

94 Die nach ihrem ersten Regiments-Inhaber (1861–1866) Ludwig Graf Trani benannten Trani-Ulanen hatten sich 1866 in der Schlacht von Custozza unter ihrem Kommandanten Oberst Maximilian Ritter von Rodakowsky durch mehrere, allerdings äußerst verlustreiche Attacken ausgezeichnet. Auf diese wurde gerade in den letzten Jahren der Monarchie zur Hebung des Patriotismus wiederholt Bezug genommen, v. a. in dem erstmals 1908 ausgestellten monumentalen Ölgemälde von Ludwig Koch „Oberst Maximilian Ritter von Rodakowsky an der Spitze der Trani-Ulanen in der Schlacht von Custozza am 24. Juni 1866“ (jetzt im Heeresgeschichtlichen Museum Wien).

95 Die Gründung der bis 2009 bestehenden Firma soll im Jahre 1739 erfolgt sein. Sie belieferte ab der Mitte der vierziger Jahre des 19. Jahrhunderts auch den kaiserlichen Hof, ihre Inhaber führten seit Ludwig Weisshappel sen. (1832–1903) und seinem Nachfolger Ludwig jun. (1860–1893) bis zum Ende der Monarchie als auszeichnendes kaiserliches Privileg den Titel eines „k.u.k. Hoflieferanten“. In einem Gutachten der Wiener Polizeidirektion von 1894 heißt es: „Das Weisshappel’sche Selchwarengeschäft ist vielleicht das renommierteste in Wien und erfreut sich noch immer einer ungeminderten Beliebtheit und eines großen Zuspruchs seitens des Publikums, auch gelten die die Weisshappel’schen Erzeugnisse als die besten und schmackhaftesten am hiesigen Platze“ (Zitiert nach: Ludwig Weisshappel, in: J. Haslinger, Kunde: Kaiser. Die Geschichte der ehemaligen k.u.k. Hoflieferanten, Wien o. J., S. 107). Weitere Literatur: J. Kalmár – M. Waldstein, K.u.K. Hoflieferanten Wiens, Graz – Stuttgart 2001, S. 38f.; Die Presse am Sonntag, 28. 6. 2009, S. 13 (hier die Auskunft des letzten Firmeninhabers, Michael Weisshappel, dass mit dem herzmanovskyschen „jungen Weisshappel“ sein Ururgrossvater [?] Ludwig gemeint sei, der allerdings im IR 4 „Hoch- und Deutschmeister“ gedient habe). Auch die fiktive Anekdote um Kaiser Ferdinand (s. Anm. 93) findet „beim berühmten Hofselcher Weisshappel“ statt

96 Zu Eugen Ketterl (1859–1928) s. K. Marilaun, Der Herr von Ketterl. Der Leibkammerdiener des Kaisers Franz Josef, in: Neues Wiener Tagblatt, Wochenausgabe, 8. 5. 1926, S. 4f. (biographisch unergiebig, fast ausschließlich Reminiszenzen an den Kaiser); s. auch oben, Anm. 92. – Zu Johann Loschek (1845–1932) s. die biographisch inhaltsreiche, bezüglich der von Loschek seinem Sohn mitgeteilten Erinnerungen an Mayerling aber mit Vorsicht zu behandelnde Artikelserie in: Illustrierte Kronen-Zeitung, 14., 16. und 17. 2. 1932.

97 Eduard Graf von Paar (1837– 919) war seit 1887 Erster General-Adjutant des Kaisers. „In dieser Stellung hatte er großen Einfluß auf alle Ansichten und Entscheidungen des Kaisers in personellen, organisatorischen und politischen Fragen des Heerwesens“ (Österreichisches Biographisches Lexikon 1815–1950, Bd. VII, Wien 1978).

98 Zypern wurde 1878 an Großbritannien verpachtet, Kreta war ab 1898 faktisch ein unabhängiger Staat. – Im Artikel II. der am 5. November 1815 in Paris zwischen Österreich, Russland, Großbritannien und Preußen abgeschlossenen Konvention bezüglich der sieben Ionischen Inseln heißt es: „Dieser Staat soll unter dem unmittelbaren und ausschließenden Schutze Sr. Majestät des Königs der vereinigten Königreiche Großbrittannien […] gestellt werden. Die übrigen contrahirenden Mächte leisten dem zu Folge Verzicht auf alle Rechte oder besonderen Ansprüche, welche sie auf besagte Inseln haben könnten, und garantiren förmlich alle Verfügungen des gegenwärtigen Tractates“. Die Konvention sei „als integrirender Theil des am Schlusse des Congresses zu Wien am 9. Junius 1815 unterzeichneten allgemeinen Tractates zu betrachten“. Zitiert nach: Sr. k. k. Majestät Franz des Ersten politische Gesetze und Verordnungen …, Bd. 43, Wien 1817, S. 354, 357.

99 Zitiert nach der deutschen Übersetzung von G. Reiner, Jaroslav Hašek, Die Abenteuer des braven Soldaten Schwejk während des Weltkrieges, Bd. 3, Prag 1926, S. 14f. Hašek zitiert auch (ebd., S. 15f.) einen ebenfalls gefälschten Armeebefehl des Erzherzogs Josef Ferdinand (des Kommandeurs der 4. Armee, zu der das IR 28 gehörte), in welchem den tschechischen Truppen eine generelle Unzuverlässigkeit unterstellt und diesen als „Verräter“ „die Kugel oder der Strick“ in Aussicht gestellt wird.

100 Der authentische Text bei: R. Lein, Das militärische Verhalten der Tschechen im Ersten Weltkrieg, phil. Diss. Wien, Wien 2009, S. 153, auch in Buchform: Richard Lein, Pflichterfüllung oder Hochverrat? Die tschechischen Soldaten im Ersten Weltkrieg, Wien – Berlin – Münster 2011. Vgl. auch die Rezension von Jürgen W. Schmidt, in: Jahrbücher für die Geschichte Osteuropas, Ausgabe 61, 2011, 2, S. 315f. Leins grundlegender und die historischen Tatsachen aufgrund umfangreicher Auswertung des Quellenmaterials erstmals richtigstellender Abhandlung bin ich im Folgenden verpflichtet.

101 R. Lein, Das militärische Verhalten …, Abstract, othes.univie.ac.at/4684 (Zugriff 10.9.2014)

102 Zitiert nach: Geflügelte Worte …, gesammelt und erläutert von G. Büchmann, 32. Aufl., Berlin 1972, S. 745. – Die Balkanfrage Frage, ein Begriff der Diplomatie, mit dem die wegen des Zerfalls des Osmanischen Reiches im 19. Jahrhundert entstandenen Probleme zusammengefasst werden. Sie war durch die zu einer Reihe von Kriegen (eine konzise Zusammenfassung in: universal_lexikon.deacademic.com/210848/Balkanfrage; Zugriff: 10.9.2014) führenden Interessen der europäischen Großmächte an Einflussgebieten am Balkan gekennzeichnet. Zur Rolle Österreichs s. E. Zöllner, Geschichte Österreichs, 7. Aufl., Wien 1984, S. 420 – 422. Eine der Folge der am Berliner Kongress 1878 getroffenen territorialen Neuordnung des Balkans war das Mandat an Österreich-Ungarn zur Besetzung und Verwaltung von Bosnien und der Herzegowina.