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Franz Grillparzer

Des Meeres und der Liebe Wellen

Franz GrillparzerDramen › Des Meeres und der Liebe Wellen

Des Meeres und
der Liebe Wellen

Trauerspiel in fünf Aufzügen
von Franz Grillparzer

Quelle: Franz Grillparzer, Werke in sechs Bänden, Band 3: Dramen 1828–1851. Herausgegeben von Helmut Bachmaier. Frankfurt am Main: Deutscher Klassiker Verlag 1987, S. 9–94. Verwendet mit freundlicher Genehmigung des Verlags.

Personen

Hero

Der Oberpriester, ihr Oheim

Leander

Naukleros

Janthe

Der Hüter des Tempels

Heros Eltern

Diener. Fischer. Volk

Erster Aufzug

Vorhof im Tempel der Aphrodite zu Sestos. Den Mittelgrund bilden Säulen mit weiten Zwischenräumen, das Peristyl bezeichnend. Im Hintergrunde der Tempel, zu dem mehrere Stufen emporführen Nach vorne, rechts die Statue Amors, links Hymenäus’ Bildsäule. Früher Morgen.

Hero

(ein Körbchen mit Blumen im Arme haltend tritt aus dem Tempel und steigt die Stufen herab).

Nun, so weit wärs getan. Geschmückt der Tempel,

Mit Myrt und Rosen ist er rings bestreut

Und harret auf das kommende, das Fest.

Und ich bin dieses Festes Gegenstand.

Mir wird vergönnt, die unbemerkten Tage,

Die fernhin rollen ohne Richt und Ziel,

Dem Dienst der hohen Himmlischen zu weihn;

Die einzelnen, die Wiesenblümchen gleich,

Der Fuß des Wanderers zertritt und knickt,

Zum Kranz gewunden um der Göttin Haupt,

Zu weihen und verklären. Sie und mich.

Wie bin ich glücklich, daß nun heut der Tag,

Und daß der Tag so schön, so still, so lieblich.

Kein Wölkchen trübt das blaue Firmament,

Und Phöbus blickt, dem hellen Meer entstiegen,

Schon über jene Zinnen segnend her.

Schaust du mich schon als Eine von den Euren?

Ward es dir kund, daß jene muntre Hero,

Die du wohl spielen sahst an Tempels Stufen,

Daß sie, ergreifend ihrer Ahnen Recht,

Die Priester gaben von Urväterzeit

Dem hehren Heiligtum – daß sies ergreifend

Das schöne Vorrecht, Priesterin nun selbst,

Und heute, heut; an diesem, diesem Tage.

Auf jenen Stufen wird das Volk sie sehn

Den Himmlischen der Opfer Gaben spendend.

Von jeder Lippe ringt sich Jubel los,

Und in dem Glanz, der Göttin dargebracht,

Strahlt auf der Priestrin Haupt –

                                                   Allein, wie nur?

Beginn’ ich mit Versäumen meinen Dienst?

Hier sind noch Kränze, Blumen hab’ ich noch,

Und jene Bilder stehen ungeschmückt?

Hier, Hymenäus, der die Menschen bindet,

Nimm diesen Kranz von Einer, die gern frei.

Die Seelen tauschest du? Ei, gute Götter,

Ich will die meine nur für mich behalten,

Wer weiß, ob eine andre mir so nütz?

Dir Amor sei der zweite meiner Kränze.

Bist du der Göttin Sohn, und ich ihr Kind,

Sind wir verwandt; und redliche Geschwister

Beschädigen sich nicht und halten Ruh.

So seis mit uns, und ehren will ich dich,

Wie man verehrt, was man auch nicht erkennt.

Nun noch die Blumen auf den Estrich. – Doch

Wie liegt nur das Geräte rings am Boden?

Der Sprengkrug und der Wedel, Bast und Binden.

Saumsel’ge Dienerinnen dieses Hauses

Euch stand es zu. Übt so ihr eure Pflicht?

Lieg immer denn, und gib ein kundbar Zeugnis –

Und doch, es martert mein erglühend Auge.

Fort, Niedriges, und laß mich dich nicht schaun.

(Sich mit Zurechtstellen beschäftigend.)

Dort kommt der Schwarm, von lautem Spiel erhitzt,

Nunmehr zu tun, was ohne sie vollendet.

Janthe und mehrere Dienerinnen kommen.

Janthe

Ei, schöne Hero, schon so früh beschäftigt?

Hero

So früh, weils Andre nicht, wenn noch so spät.

(Die Dienerinnen stellen das Übrige zurecht.)

Janthe

Ei seht, sie tadelt uns, weil wir die Kanne,

Das wenige Gerät nicht weggeschafft.

Hero

Viel oder wenig, du hasts nicht getan.

Janthe

Wir waren früh am Werk und sprengten, fegten.

Da kam die Lust, im Grünen uns zu jagen.

Hero

Drauf gingt ihr hin und – Nun, beim hohen Himmel!

Als du den leichten Fuß erhobst und senktest,

Kam dir der Vorhof deiner Göttin nicht,

Dein unvollendet Werk dir nicht vors Auge?

Genug, ich fass’ euch nicht, wir wollen schweigen.

Janthe

Weil du so grämlich bist und einsam schmollst,

Beneidest du dem Frohen jede Lust.

Hero

Ich bin nicht grämlich, froher leicht als ihr,

Und oft hab’ ich zur Abendzeit beklagt,

Wo Spiel vergönnt, daß ihr des Spielens müde,

Doch nehm’ ich nicht dem Ernste seine Lust,

Indem ich mit des Scherzes Lust sie menge.

Janthe

Verzeih, wir sind gemeines, niedres Volk.

Du freilich, aus der Priester Stamm entsprossen –

Hero

Du sagst es.

Janthe

                    Und zu Höherem bestimmt.

Hero

Mit Stolz entgegn’ ich: ja.

Janthe

                                         Ganz andre Freuden,

Erhabnere Genüsse sind für dich.

Hero

Du weißt, ich kann nicht spotten; spotte nur!

Janthe

Und doch, gingst du mit uns, und sahst die Beiden,

Die fremden Jünglinge am Gittertor –

Hero

Nun schweig!

Janthe

                       Was gilts? du blinzeltest wohl selber

Ein wenig durch die Stäbe.

Hero

                                           Schweige, sag ich.

Ich habe deiner Torheit Raum gegeben,

Leichtfertigem verschließt sich dieses Ohr.

Sprich nicht und reg dich nicht! denn bei den Göttern!

Dem Priester, meinem Oheim sag’ ichs an,

Und er bestraft dich, wie dus wohl verdienst.

Ich bin mir gram, daß mich der Zorn bemeistert,

Und doch kann ich nicht anders, hör’ ich dies.

Du sollst nicht reden, sag’ ich, nicht ein Wort!

Der Priester, von dem Tempelhüter begleitet, ist von der rechten Seite her aufgetreten.

Hero

(ihm entgegen).

O wohl mir, daß du kömmst, mein edler Ohm.

Dein Kind war im Begriff zu zürnen, heut,

Am Morgen dieses feierlichen Tags,

Der sie auf immer – O verzeih, mein Ohm!

Priester

Was aber war der heißen Regung Grund?

Hero

Die argen Worte dieser Leichtgesinnten;

Der frevle Hohn, der was er selbst nicht achtet,

So gern als unwert aller Achtung malte.

O daß die Weisheit halb so eifrig wäre

Nach Schülern und Bekehrten, als der Spott!

Priester

Und welche wars, die vor den Andern kühn,

Die Sitte unsers Hauses so verletzt?

Hero

(nach einer Pause).

Genau besehn, will ich sie dir nicht nennen,

Ob ihr die Rüge gleich gar wohl verdient.

Schilt sie nur Alle, Herr, und heiß sie gehn,

Die Schuld’ge nimmt sich selbst wohl ihren Teil.

(Zum Tempelhüter.)

Du aber sieh zum äußern Gittertor,

Damit nicht Fremde –

Priester

                                     Hätte denn –?

Hero

                                                             Ich bitte!

Priester

So geh! – Und ihr! und meidet zu begegnen

Dem Zorne, der sein Recht und seine Mittel kennt.

(Der Tempelhüter nach der linken, die Mädchen nach der rechten Seite ab.)

Hero

Nun ist mir leicht! Ich könnte sie bedauern,

Wenn ihre Torheit an sich selber zehrte,

Nicht um Genossen würb’ und Billigung.

Priester

So sehr mich freut, daß du den Schwarm vermeidest,

Und aus der Menge nicht die Freundin wählst,

So sehr befremdet mich, ja ich beklag’ es,

Daß dich zu Keiner unter deines Gleichen

Des Herzens Zug, ein still Bedürfnis führte.

Ein einsam Leben harrt der Priesterin,

Zu Zweien trägt und wirkt sichs noch so leicht.

Hero

Ich kann nicht finden, daß Gesellschaft fördert;

Was Einem obliegt muß man selber tun.

Dann, nennst du einsam einer Priestrin Leben?

Wann war es einsam hier im Tempel je?

Vom frühen Morgen drängt die laute Menge,

Aus Ost und Westen strömt herbei das Volk.

Von Weihgeschenken und von Opfergaben,

Von Festeszügen, fremden Beterscharen

War nimmer dieses Hauses Schwelle leer.

Dann fehlts ja nicht an mancherlei zu tun:

Der Wasserkrug, der Opferherd, die Kränze,

Und Säul und Sockel, Estrich und Altar

Zu reinigen, zu schmücken, zu bewahren.

Wo bliebe da zum Schwätzen wohl die Zeit,

Zum Kosen mit der Freundin, wie du meinst.

Priester

Du hast mich nicht gefaßt.

Hero

                                           Wohl denn, es sei!

Was man nicht faßt, erregt auch kein Verlangen.

Laß mich so wie ich bin, ich bin es gern.

Priester

Doch kommt die Zeit und ändert Wunsch und Neigung.

Hero

Man klagt ja täglich, daß der Unverständ’ge

Beharrt und bleibt, man tadl’ ihn wie man will;

Weshalb nun den Verständ’gen unverständ’ger

Und unbeständ’ger glauben als den Tor?

Ich weiß ja was ich will und was wir wählten,

Wenn wählen heißen kann, wo keine Wahl.

Vielmehr ein glücklich Ungefähr hat mich

Nur halb bewußt an diesen Ort gebracht,

Wo – wie der Mensch, der müd am Sommerabend

Vom Ufer steigt ins weiche Wellenbad,

Und, von dem lauen Strome rings umfangen,

In gleiche Wärme seine Glieder breitet,

So daß er, prüfend, kaum vermag zu sagen:

Hier fühl’ ich mich und hier fühl’ ich ein Fremdes –

Mein Wesen sich hindangibt und besitzt.

Aus langer Kindheit träumerischem Staunen

Bin hier ich zum Bewußtsein erst erwacht;

Im Tempel, an der Göttin Fußgestelle

Ward mir ein Dasein erst, ein Ziel, ein Zweck.

Wer, wenn er mühsam nur das Land gewonnen,

Sehnt sich ins Meer zurück, wo’s wüst und schwindelnd?

Ja, diese Bilder, diese Säulengänge,

Sie sind ein Äußeres mir nicht, ein Totes;

Mein Wesen rankt sich auf an diesen Stützen,

Getrennt von ihnen, wär’ ich tot wie sie.

Priester

Nur hüte dich, daß so beschränktes Streben

Ein Billiger nicht möge selbstisch nennen!

Es hält der Mensch mit Recht von seinem Wesen

Jegliche Störung fern; allein sein Leben,

Ablehnend alles andre, nur auf sich,

Des eignen Sinns Bewahrung zu beschränken,

Scheint widrig, unerlaubt, ja ungeheuer,

Und doch auch wieder eng und schwach und klein.

Du weißt, es war seit undenkbaren Zeiten

Begnadet von den Göttern unser Stamm

Mit Priesterehren, Zeichen und Orakeln,

Zu sprechen liebten sie durch unsern Mund:

Lockts dich nun nicht zurück es zu gewinnen

Das schöne Vorrecht, dir zum höchsten Ruhm

Und allem Volk zu segensreichem Frommen?

Ich riet dir oft, in still verborgner Nacht

Zu nahen unsrer Göttin Heiligtum

Und dort zu lauschen auf die leisen Stimmen,

Mit denen wohl das Überird’sche spricht.

Hero

Verschiednes geben Götter an Verschiedne;

Mich haben sie zur Seh’rin nicht bestimmt.

Auch ist die Nacht, zu ruhn; der Tag, zu wirken,

Ich kann mich freuen nur am Strahl des Lichts.

Priester

Vor allem sollte heut –

Hero

                                    Ich war ja dort,

Noch eh die Sonne kam, in unserm Tempel

Und setzte mich bei meiner Göttin Thron

Und sann. Doch keine Stimme kam von oben.

Da griff ich zu den Blumen, die du siehst,

Und wand ihr Kränze meiner hohen Herrin,

Erst ihr, dann jenen beiden Himmlischen,

Und war vergnügt.

Priester

                               Und dachtest?

Hero

                                                      An mein Werk.

Priester

An andres nicht?

Hero

                           Was sonst?

Priester

                                             An deine Eltern.

Hero

Was nützt es auch? sie denken nicht an mich.

Priester

Sie denken dein und sehnen sich nach dir.

Hero

Ich weiß das anders, doch du glaubst es nicht.

War ihnen ich doch immer eine Last,

Und fort und fort ging Sturm in ihrem Hause.

Mein Vater wollte was kein Andres wollte,

Und drängte mich, und zürnte ohne Grund.

Die Mutter duldete und schwieg.

Mein Bruder – Von den Menschen all, die leben,

Bin ich nur einem gram, es ist mein Bruder.

Als Älterer, und weil ich nur ein Weib,

Ersah er mich zum Spielwerk seiner Launen.

Doch hielt ich gut, und grollte still und tief.

Priester

So zürnst du deinen Eltern?

Hero

                                             Zürnen? O!

Vergaß ich sie, geschahs um sie zu lieben.

Auch ist mein Wesen umgekehrt und eben,

Seit mich die Göttin nahm in ihren Schutz.

Priester

Wenn sie nun kämen?

Hero

                                      Ach, sie werdens nicht.

Priester

Dich heimzuholen.

Hero

                               Mich? Von hier? Vergebens!

Priester

Die Mutter mit dem Bräut’gam an der Hand.

Hero

(zum Gehen gewendet).

Du scherzest, Herr, und ich, ich scherzte nicht.

Priester

Bleib nur! Auch ist es Scherz. Doch deine Eltern

Sind hier.

Hero

                Nein! Hier?

Priester

                                   Seit gestern Abends.

Hero

                                                                   O!

Und du vehehltest mirs?

Priester

                                          Sie wolltens selbst,

Die Weihe nicht zu stören dieser Nacht,

Die dir ein Morgen ist für viele Tage.

Doch bist du stark, und mögen sie denn nahn.

Sieh dort den Kommenden. Er wandelt, steht,

Holt tiefer Atem, nähert sich.

Hero

                                               Mein Vater?

Priester

Er selber, ja.

Hero

                     Und ist der Mann so alt?

Priester

Die Frau an seiner Seite –

Hero

                                         Mutter! Mutter!

Priester

Erbleichst du? Eilst den Lieben nicht entgegen

In froher Hast?

Hero

                         O laß mich sie betrachten!

Hab’ ich sie doch so lange nicht gesehn!

Heros Eltern kommen.

Vater

Mein Kind! Hero, mein Kind!

Hero

(auf ihre Mutter zueilend).

                                               O meine Mutter!

Vater

Sieh nur, wir kommen her, den weiten Weg –

Mein Atem wird schon kurz! – So fern vom Hause,

Als Zeugen deines götternahen Glücks.

Zu schauen, wie du in der Ahnen Spur

Antrittst das Recht, um das sie uns beneiden,

Die Andern alle rings umher im Land;

Wie um das Amt, mit dem seit manchem Jahr

Bekleidet das Vertraun mich unsrer Stadt,

Und das – Die böse Brust! – Was wollt’ ich sagen?

Nun eben deshalb kamen wir hierher.

Ei, guten Morgen, Bruder!

Hero

                                          Meine Mutter!

Vater

Sie auch! Auch sie! Ob kränkelnd schon und schwach,

Es duldete sie nicht im leeren Hause.

Teil nehmen wollte sie an deinem Glück.

Der Wagen faßt wohl zwei, so kam sie mit.

Erfreuten Sinns. Und wer, wenn noch so stumpf,

Erfreute sich an seinem Kinde nicht,

Wenn es einhergeht auf der Hoheit Spuren?

Wer horchte da auf kleinlich dunkle Zweifel,

Auf, was weiß ich? Nu, wie gesagt, erfreut.

Hero

Allein sie spricht nicht.

Vater

                                     Nicht? Frag sie: warum?

Sie spricht wohl sonst, wenns auch nicht an der Zeit,

Im Haus, den langen Tag. Frag sie: warum?

Und wieder ists auch besser, spricht sie nicht.

Wer Förderliches nicht vermag zu sagen,

Tut klüger schweigt er völlig. Bruder, nicht?

Hero

O guter Ohm, heiß deinen Bruder schweigen,

Daß meine Mutter rede.

Priester

                                          Bruder, laß sie!

Vater

So sprich; allein –

Hero

                             Nicht so! Nach ihrem Herzen.

Wies ihr gefällt.

Mutter

(halblaut).

                           Mein gutes Kind!

Hero

Hörst du? Sie sprach. O süßer, süßer Klang,

So lange nicht gehört. O meine Mutter!

Priester

(in den Hintergrund tretend, zu einem Diener).

Komm hier!

Vater

                   Nun weint sie gar. Daß doch! – Was schaffst du, Bruder?

(Er geht nach rückwärts, die Hand dem gleichfalls dort stehenden Tempelhüter auf die Schulter legend.)

Ah, du mein Ehrenmann? – Was schafft ihr da?

Priester

Ein Ringeltauber flog in diesen Busch,

Wohl gar zu Nest. Das darf nicht sein. He, Sklave,

Durchforsche du das Laub und nimm es aus!

Vater

Wie nur? warum?

Priester

                              So wills des Tempels Übung.

Vater

Doch Jene –

Priester

                     Laß sie nur!

Vater

                                          Sie reden.

Priester

                                                           Laß sie!

Hero

(mit ihrer Mutter im Vorgrunde rechts).

Nun aber Mutter hemme deine Tränen,

Vielmehr sag deutlich was du fühlst und denkst.

Ich höre dich und folge leicht und gern;

Denn nicht mehr jenes wilde Mädchen bin ich,

Das du gekannt in deines Gatten Hause,

Die Göttin hat das Herz mir umgewandelt,

Und ruhig kann ich denken nun und schaun.

Auch –

Mutter

              Kind!

Hero

                        Was ist?

Mutter

                                       Sie sehn nach uns.

Hero

                                                                      Ei, immer!

Im Tempel hier hat auch die Frau ein Recht,

Und die Gekränkten haben freie Sprache.

Doch ängstet dich ihr Aug, wohlan, so tret’ ich

Hin zwischen dich und sie. Kein Blick erreicht dich.

Nun aber sag, ob ich dich recht erriet:

Nicht gleichen Sinns mit deinem Gatten kamst du,

Und wäre dir der freie Wunsch gewährt,

Du führtest gar die Tochter mit dir heim.

Aus ihres Glückes sturmbeschützter Ruh

In deiner dunkeln Sorgen niedre Hütte?

Ists also? Ist es wahr? Sprich nein, o Mutter!

Mutter

Kind, ich bin alt und bin allein.

Hero

                                                  Allein?

Dir ist dein Gatte ja. Zwar er –? Ein reiches Haus;

Sind Dienerinnen, die dein sorglich warten.

Dann – Gute Götter, so vergaß ich denn

Das Beste bis zuletzt. Dir ist mein Bruder,

Der bringt die Braut ins Haus und dehnt sich breit,

Und gibt dir Enkel mit der Väter Namen.

Mutter

Dein Bruder, Kind –

Vater

(im Hintergrunde zum Sklaven).

                                   Greif herzhaft immer zu!

Mutter

Dein Bruder, Kind, ist nicht mehr heim bei uns!

Hero

Wie, nicht?

Mutter

                   Nach manchem herben Leid,

Den Eltern doppelt schwer, verließ er uns,

Verließ die Braut, die sein in Tränen dachte,

Und zog dahin mit gleichgesinnten Männern

Auf kühne Wagnis in entferntes Land.

Zu Schiff, zu Roß? Wer weiß? wer kann es wissen?

Hero So ist er nicht mehr da? Nun doppelt gerne

Kehrt’ ich mit dir nach Haus, seit kund mir solches.

Doch ist nicht er, sind da noch Hundert andre,

Von gleichem Sinn und störrisch wildem Wesen.

Das ehrne Band der Roheit um die Stirn,

Je minder denkend, um so heft’ger wollend.

Gewohnt zu greifen mit der starren Hand

Ins stille Reich geordneter Gedanken,

Wo die Entschlüsse keimen, wachsen, reifen

Am milden Strahl des gottentsprungnen Lichts.

Hineinzugreifen da und zu zerstören,

Hier zu entwurzeln, dort zu treiben, fördern

Mit blindem Sinn und ungeschlachter Hand.

Und unter Solchen wünschtest du dein Kind?

Vielleicht wohl gar –?

Mutter

                                   Was soll ich dirs verhehlen?

Das Weib ist glücklich nur an Gattenhand.

Hero

Das darfst du sagen, ohne zu erröten?

Wie? und mußt hüten jenes Mannes Blick,

Des Herren, deines Gatten? Darfst nicht reden,

Mußt schweigen, flüstern, ob du gleich im Recht,

Ob du die Weisre gleich, stillwaltend Beßre?

Und wagst zu sprechen mir ein solches Wort?

Vater

(im Hintergrunde).

Die Mutter flattert auf.

Mutter

                                     O wehe, weh!

Sie haben mir mein frommes Kind entwendet,

Ihr Herz geraubt mit selbstisch eitlen Lehren,

Daß meiner nicht mehr denkend, harten Sinns,

Sie achtlos hört der Nahverwandten Worte!

Hero

(von ihr wegtretend),

Ich aber will mit heiterm Sinne wandeln

Hier an der Göttin Altar, meiner Frau.

Das Rechte tun, nicht weil man mirs befahl,

Nein, weil es recht, weil ich es so erkannt.

Und Niemand soll mirs rauben und entziehn.

Wahrhaftig!

Der Sklave

(der im Hintergrunde auf einem Schemmel stehend, den Busch durchsucht, strauchelnd).

                    Ah!

Hero

(umschauend).

                           Was ist?

Mutter

                                          So siehst du nicht?

Unschuldig fromme Vögel stören sie

Und nehmen aus ihr Nest. So reißen sie

Das Kind auch von der Mutter, Herz vom Herzen,

Und haben des ihr Spiel. O weh mir, weh!

Hero

Du zitterst, du bist bleich.

Mutter

                                          O seh ich doch

Mein eignes Los.

Priester

(zu dem Diener, der das Nest in ein Körbchen gelegt, auf dem oben die brütende Taube sichtbar ist).

                              Geh nur und trag es fort!

(Der Diener geht.)

Hero

Halt du, und setz es ab, wenns Jene kränkt.

Gib sag’ ich!

(Sie hat dem Diener das Körbchen abgenommen.)

                    Armes Tier, was zitterst du?

Sieh, Mutter, es ist heil.

(Die Taube streichelnd.)

                                     Bist du erschrocken?

(Sie setzt sich auf den Stufen der Bildsäule links im Vorgrunde nieder, das Körbchen in den Händen; indem sie bald durch Emporheben die Taube zum Fortfliegen anlockt, bald betrachtend und untersuchend sich mit ihr beschäftigt.)

Priester

(zum Diener).

Was ist? Befahl ich nicht?

(Der Diener weist entschuldigend auf Hero.)

Priester

(zu ihr tretend).

                                         Bist du so neu im Dienst,

Daß du nicht weißt was Brauches hier und Sitte?

Mutter

(rechts im Vorgrunde stehend).

Mein Herz vergeht. O jammervoller Anblick!

Priester

(zu ihr hinabersprechend).

Nun also denn zu dir. Schwachsinnig Weib,

Was kommst du her, zu stören diese Stunde?

Und staunst ob dem was du doch längst gewußt,

Der heil’gen Ordnung dieses Götterhauses.

Kein Vogel baut beim Tempel hier sein Nest,

Nicht girren ungestraft im Hain die Tauben,

Die Rebe kriecht um Ulmen nicht hinan,

All was sich paart bleibt ferne diesem Hause,

Und Jene dort fügt heut sich gleichem Los.

Hero

(die Taube streichelnd).

Du armes Tier, wie streiten sie um uns!

Priester

Scheint dir das schwer, und zitterst du darob?

Was willst du? soll sie heim? Komm hier, und nimm sie!

Was braucht die Göttin dein und deines Kinds?

Nicht ehrt man hier die ird’sche Aphrodite,

Die Mensch an Menschen knüpft wie Tier an Tier,

Die Himmlische, dem Meeresschaum entstiegen,

Einend den Sinn, allein die Sinne nicht,

Der Eintracht alles Wesens hohe Mutter,

Geschlechtlos, weil sie selber das Geschlecht,

Und himmlisch, weil sie stammt vom Himmel oben.

Was braucht die Göttin dein und deines Kinds?

Geh hin und bette sie in Niedrigkeit,

In der du selbst, dir selbst zur Qual, dich abmühst.

Sie sei die Magd des Knechtes der sie freit,

Statt hier auf lichter Bahn, nach eignem Ziel,

Die Einz’ge sie des dürftigen Geschlechts,

Ein Selbst zu sein, ein Wesen, eine Welt.

Allein du willst es, sie ist frei, hier nimm sie!

Bist du die Mutter doch! Du, Hero, folge!

Die Torheit ruft. Folg ihr als Mensch, als Weib!

Hero

(aufstehend, zur Taube).

Da gilt es denn zu reden, kleines Ding!

(Das Körbchen dem Diener gebend.)

Du nimms und trag es hin, und gib ihm Freiheit,

Die Freiheit wie das Tier sie kennt und wünscht.

(Diener ab.)

Du aber Ohm, schilt meine Mutter nicht,

Denn fromm ist ihre Meinung und sie liebt mich.

Uns Andre laß nur schweigen, Stille, Gute!

Hat er doch Recht und tut nur was ihm Pflicht.

Ich soll mit dir? Bleib du bei mir! O Mutter!

Wenn dich die Deinen quälen, komm zu mir.

Hier ist kein Krieg, hier schlägt man keine Wunden,

Die Göttin grollet nicht, und dieser Tempel

Sieht immerdar mich an mit gleichem Blick.

Kennst du das Glück des stillen Selbstbesitzes?

Du hast es nie gekannt; drum sei nicht neidisch!

Nein frohen Mutes folge mir zum Fest!

Heut stolz im Siegerschritt, und kommt der Morgen,

Einförmig still, den Wasserkrug zur Hand,

Beschäftigt, wie bisher, an den Altären;

Und fort so Tag um Tag. Willst du, so komm!

Sieh nur: sonst trag’ ich dich, denn ich bin stark.

Allein sie will. Sie lächelt. Siehst du Ohm?

(Halblaut.)

Gib nur das Zeichen nun. Du aber folge,

Die Zeit verrinnt, man rüstet schon das Fest.

(Im Gehen, tändelnd.)

Und siehst du erst den Schmuck, die reichen Kleider,

Und was man all mir Herrliches bereitet,

Du sollst wohl selbst –

(Ein paar Schritte voraus und dann zurückkehrend.)

Und eile mir ein wenig!

(Beide nach der rechten Seite ab.)

Vater

Nun Bruder aber rasch –

Priester

                                        Rasch, und warum?

Was lange dauern soll sei lang erwogen.

Wüßt’ ich sie schwach, noch jetzt entließ’ ich sie.

Vater

Allein bedenk!

Priester

                        Zugleich bedenk’ ich wirklich,

Daß heilsam feste Nötigung der Abschluß

Von jedem irdisch wankem, wirrem Tun.

Du wähltest ewig unter Möglichkeiten

Wär’ nicht die Wirklichkeit als Gränzstein hingesetzt.

Die freie Wahl ist schwacher Toren Spielzeug.

Der Tücht’ge sieht in jedem Soll ein Muß

Und Zwang, als erste Pflicht, ist ihm die Wahrheit.

(Zu den Dienern gewendet.)

Das Fest beginnt.

Naukleros Stimme

(hinter der Szene).

                              Hierher nur, hier!

Priester

                                                             Was ist?

Tempelhüter

Zwei Fremdlinge, des langen Harrens müde,

Sie bahnen selbst durch Büsche sich den Weg.

– Kehrt ihr zurück? – Dieselben sind es, Herr,

Die heute Morgens schon am Gittertor –

Auch dort von rückwärts wächst des Volkes Drang,

Das murrend nur erträgt die Zögerung.

Priester

Weis Jene dort zurück.

(Der Tempelhüter nach der linken Seite ab.)

                                     Ihr Andern öffnet

(Zu mehreren Dienern, die nach und nach vom Hintergrunde her eingetreten sind.)

Die äußern Pforten nach dem Weg zur Stadt.

(Zu seinem Bruder.)

Gönn’ immer nur ein Wort des Danks den Göttern,

Die Nachruhm dir in deinem Kind erweckt.

(Der Alte steht an seinem Stabe gegen den Tempel geneigt.)

Laßt ein das Volk und haltet Ordnung, hört ihr?

Daß Roheit nicht die schöne Feier störe.

Auch über euch wacht sorglich, eben heut;

Die Lust hat ihren Tag, so wie die Sonne,

Doch auch wie jene einen Abend: Reue.

Tempelhüter

(hinter der Szene).

Nein, sag’ ich, nein.

Naukleros

(eben so).

                               So hört doch, lieber Herr!

Priester

Tut eure Pflicht, du Bruder aber komm!

(Beide nach der rechten Seite ab.)

Der Tempelhüter

(auftretend).

Hier steh’ ich, hier. Und wagst dus, kühner Knabe,

Und setzest über mich hin deinen Fuß?

Naukleros

(der gleichfalls sichtbar geworden ist).

Nicht über euch, doch, seht ihr, neben euch.

Und also bin ich hier. Leander komm!

Leander tritt auf.

Tempelhüter

O Jugendübermut! Ward euch nicht kund –?

Naukleros

Nichts ward uns kund; denn Fremde sind wir, Herr,

Und kommen von Abydos’ Felsenküste

Nach Sestos her, um euer Fest zu schaun.

Tempelhüter

Doch lehrt man Sittsamkeit nicht auch bei euch?

Naukleros

Wohl lehrt man sie, zugleich mit andern Sprüchen,

Als: sei nicht blöd! sonst kehrst du hungrig heim.

Tempelhüter

Ich aber –

Naukleros

                 Seht, indes ihr hier euch abmüht

Um uns, die Zwei, strömt dort das Volk in Haufen.

Tempelhüter

Zurück da! Hört ihr wohl?

(Er wendet sich nach dem Hintergrunde und ordnet das Volk, das von der linken Seite, nahe den Stufen des Tempels, hereindringt.)

Naukleros

(zu Leander).

                                          Was zerrst du mich?

Wir sind nun einmal da. Wer wagt gewinnt.

Hier ist der beste Platz. Fest auf den Sockel

Setz’ ich den Fuß. Laß sehn, wer mich vertreibt.

Und sieh mir um nach all der Herrlichkeit!

Das Gotteshäuslein dort, das Tor, die Säulen;

So was erblickst du nimmermehr daheim.

Schau! einen Altar setzt man in die Mitte,

Wohl um zu opfern drauf. – Doch wornach schaust du?

Blickt er zu Boden nicht! Nu, bei den Göttern!

Befällt er hier dich auch, der alte Trübsinn?

Ich aber sage dir –

(Das Volk hat sich nach und nach, der linken Seite entlang, geordnet, bis dahin wo die beiden Freunde stehen.)

Naukleros

(umschauend).

                              Nun guter Freund,

Ihr drängt gar scharf.

(Zu Leander.)

                                   Hörst du? ich sage dir:

Weißt du nicht heute Abend klein und groß

Mir zu erzählen was sich hier begab,

Und trinkst nicht einen großen Becher Wein

Lautjubelnd drauf, sind wir geschiedne Leute.

Denn all der düstre Sinn – Allein, sieh dort!

Die beiden Mädchen. Schau! es sind dieselben

Die heute früh wir sahn am Gittertor.

Sie blinzeln her. Gefällt dir Eine? Sprich!

Janthe und eine zweite Dienerin haben einen tragbaren Altar gebracht und stellen ihn, rechts im Vorgrunde, vor der Bildsäule Amors nieder.

Janthe

(während des Zurechtstellens ihrer Gefährtin zuflüsternd)

Dort sind sie. Rechts der Blonde, Größere.

Der Braune scheint betrübt. Was fehlt ihm nur?

Naukleros

Absichtlich zögern sie. Hui, welch ein Blick!

Tempelhüter

(nach vorn kommend, zu den Mädchen).

Ei ja, und nun auch ihr! Das findet sich.

(Die Mädchen gehen. Zu den Jünglingen.)

Ihr scheint mir rasch zu allem was verwehrt.

Naukleros

Je, wies nun kommt. Wer zweifelt, der verliert.

Man hat einen zweiten Altar gebracht, der links vor Hymenäus’ Bildsäule hingestellt wird. Ein dritter stand schon früher an den Stufen in der Mitte.

Tempelhüter

Ihr gebt nur Raum! Der Altar soll dort hin.

Naukleros

Hab’ ich erst Raum, so teil’ ich gerne mit.

Tempelhüter

Und seid nur sittig und vermeßt euch nichts.

(Musik von Flöten beginnt.)

Der Zug beginnt. Zurück! Laßt frei die Mitte!

(Das Volk ordnend, das auf der linken Seite sich in Reihen stellt.)

Naukleros

Sie kommen, schau! Betrachte mirs mit Fleiß!

Und naht die Priesterin, streif an ihr Kleid,

Das soll den Trübsinn heilen, sagt man. Hörst du?

Unter Musik von Flöten kommt der Zug von der rechten Seite her auf die Bühne. Opferknaben mit Gefäßen. Die Oberhäupter von Sestos. Tempeldienerinnen, darunter Janthe. Priester. Hero mit Mantel und Kopfbinde an der Seite ihres Oheims. Ihre Eltern folgen.

Gesang

Mutter der Sterblichen,

Himmelsbewohnerin,

Neig uns ein günstiges,

Schirmendes Aug!

(Die Begleiter des Zuges stellen sich zur rechten Seite auf, den Reihen des Volkes gegenüber. Der mittlere Teil der Bühne ist leer.)

Die Priester

(indem sie sich aufstellen).

Den Göttern Ehrfurcht!

Das Volk

(antwortend).

                                      Glück mit uns!

Naukleros

Dort kommt die Priesterin. Ein schönes Weib.

Komm, laß uns knien. Doch nein, vorher noch schau mir

Querüber hier dem Fußgestell nach rückwärts,

Wie sie die Weihen üben, was sie tun.

Hero

(im Hintergrunde, bei dem dort hingesetzten tragbaren Altare stehend. Vor ihr knieen zwei Opferknaben, Rauchwerk in reichen Gefäßen haltend).

Ein neuer Sprößling deines alten Hauses.

Sei ihm geneigt, und mehr als er verdient.

(Sie gießt Rauchwerk in die Flamme und geht dann nach vorn, der Priester zu ihrer Linken, hinter ihr die Eltern. Der Tempelhüter in einiger Entfernung.)

Die Priester

Den Göttern Ehrfurcht!

Das Volk

                                        Glück mit uns!

Naukleros

Sie kommen näher. Nun, Leander, knie’!

(Sie knieen. Leander hart an der Bildsäule des Hymenäus, Naukleros etwas zurück. Auch das übrige Volk kniet. Hero ist zu Amors Bildsäule gekommen und gießt Rauchwerk in die Flamme des danebenstehenden Altars, der Priester ihr zur Seite.)

Hero

Der du die Liebe gibst, nimm all die meine.

Dich grüßend nehm’ ich Abschied auch von dir.

(Sie entfernt sich.)

Die Priester

Den Göttern Ehrfurcht!

Das Volk

Glück mit uns!

Hero

(an der Bildsäule des Hymenäus stehend).

Dein Bruder sendet mich –

Naukleros

(leise zu Leander).

                                             Siehst du nicht auf?

(Leander der gerade vor sich hin auf den Boden gesehen hat, hebt jetzt das Haupt empor.)

Priester

Was ist? Du stockst.

Hero

                                 Herr, ich vergaß die Zange.

Priester

Du hältst sie in der Hand.

Hero

                                           Der du die Liebe –

Priester

So hieß der erste Spruch. Wenn auch! Zum Opfer!

(Hero gießt Rauchwerk ins Feuer. Eine lebhaftere Flamme zuckt empor.)

Priester

Nun gut! Zu viel! Nun noch zum Tempel. Komm!

(Sie entfernen sich. In die Mitte der Buhne gekommen, sieht Hero, als nach etwas Fehlendem an ihrem Schuh, über die rechte Schulter zurück. Ihr Blick trifft dabei auf die beiden Jünglinge. Die Eltern kommen ihr entgegen. Die Musik ertönt von neuem.)

Der Vorhang fällt.

Zweiter Aufzug

Tempelhain zu Sestos. Auf der linken Seite nach rückwärts eine Ruhebank von Gebüsch umgeben.

Naukleros

(von der linken Seite auftretend).

Leander komm! und eile mir doch nur!

Leander

(der von derselben Seite sichtbar wird).

Hier bin ich, sieh!

Naukleros

                               So rasch? Ei doch! Man denke!

Wie lange noch, sag an! führ’ ich, zur Strafe

Für ein Vergehn, derzeit noch unbekannt

Und unbegangen auch, dem Knaben gleich

Der seinen blinden Herrn die Straße leitet,

Ringsum dich durch der Menschen laute Städte,

Von Fest zu Fest, vom Markte zum Altar,

Den Ort ausforschend, der dir Frohsinn brächte?

Wie lang sitz’ ich, von Sprechen müd, dir gegenüber

Und forsch’ in deinem Aug, dem leid’gen Blick,

Obs angeglommen, ob erwacht die Lust?

Und les’ ein ewig neues: nein, nein, nein!

Wenn deine Mutter starb, wer kann da helfen?

Wars gut und recht, daß du, ein wackrer Sohn,

Und ihr, der Tiefbekümmerten zu Willen,

Am Strand des Meeres wohntest, fern der Stadt

Und Menschen fern, nur Kindespflichten übend;

Nun, da sie tot, was hält dich länger ab

Den Gleichen als ein Gleicher zu gehören

Mitfühlend ihre Sorgen, ihre Lust?

Wein um die Gute, rauf dein braunes Haar,

Allein dann kehre zu den Freuden wieder,

Die sie dir gönnt, die du ihr länger gönntest.

Sag’ ich nicht recht? und was ist deine Meinung?

Nun?

Leander

          Ich bin müd.

Naukleros

                                Ei ja, der großen Plage!

Den ganzen Tag, am fremden Ort, umgeben

Von fremden Menschen, fröhlichen Gesichtern,

Sich durchzuhelfen und zu schaun, zu hören,

Einmal zu sprechen gar. Ei, gute Götter,

Wer hielte das wohl aus?

Leander

(der sich gesetzt hat).

                                          Und krank dazu.

Naukleros

Krank? Sei du unbesorgt! Das gibt sich wohl.

Sei du erst heim in deiner dumpfen Hütte,

Vom Meer bespült, wo rings nur Sand und Wellen

Und trübe Wolken, die mit Regen dräun.

Hab erst das gute Kleid da von den Schultern,

Und umgehüllt dein derbes Schifferwams.

Dann sitz am Strand, den langen Tag verangelnd,

Tauch dich ins Meer, der Fische Neid im Schwimmen,

Lieg Abends erst – so fand ich dich ja einst –

Im Ruderkahn, das Antlitz über dir,

Des Körpers Last vertraut den breiten Schultern,

Indes das Fahrzeug auf den Wellen schaukelt;

So lieg gestreckt und schau mir nach den Sternen,

Und denk – an deine Mutter, die noch eben

Zur rechten Zeit dich, sterbend, frei gemacht;

An sie; an Geister, die dort Oben wohnen;

An – denk ans Denken; denk vielmehr an nichts!

Sei nur erst dort; und Freund, was gilt die Wette?

Du fühlst dich wohl, fühlst wieder dich gesund.

Nun aber komm, denn fernab liegt die Heimat,

Die Zeit verrinnt, die Freunde kehren heim.

Leander

Es ist so schattig hier. Laß uns noch weilen!

Leicht findet sich ein Kahn. Ich rudre dich.

Naukleros

Ei rudern, ja! Wie glänzt ihm da das Auge!

Am Steuer sitzend, ausgestreckt die Hand,

Die prallen Arme vor und rückwärts führend,

Jetzt so, dann so, und fort auf feuchtem Pfad!

Da fühlst du dich ein Held, ein Gott, ein Mann;

Für Andres mag man einen Andern suchen.

Doch, schöner Freund, nicht nur ums Rudern bloß,

Hier frägt es sich um andre, ernstre Dinge.

Wir stehen, wiß es, auf verbotnem Grund,

Im Tempelhain, der Jedem sich verschließt,

Als nur am Tag des Fests, von dem wir kehren.

Sonst streifen Wächter durch die grünen Büsche,

Die fahen Jeden, den ihr Auge trifft,

Und stellen ihn dem Priester ihres Tempels,

Der ihn bestraft, leicht mit dem Äußersten.

Sprichst du?

Leander

                    Ich sagte nichts.

Naukleros

                                           Drum also komm!

Um Mittag endet sie des Festes Freiheit

Und fast schon senkrecht trifft der Sonne Pfeil.

Mich lüstet nicht, ob deines trägen Zauderns,

Den Kerkern einzuwohnen dieser Stadt.

Hörst du? – Noch immer nicht! – Nun, gute Götter!

Kehrt euch von ihm, wie er von euch sich wendet!

Da lehnt er, weich, mit mattgesenkten Gliedern.

Ein Junge, schön, wenn gleich nicht groß, und braun.

Die finstern Locken ringeln um die Stirn;

Das Auge, wenns die Wimper nicht verwehrt,

Sprüht heiß wie Kohle, frisch nur angefacht;

Die Schultern weit; die Arme derb und tüchtig,

Von prallen Muskeln ründlich überragt;

Kein Amor mehr, doch Hymens treues Bild.

Die Mädchen sehn nach ihm; doch er – Ihr Götter!

Wo blieb die Seele für so art’gen Leib?

Er ist – wie nenn’ ichs – furchtsam, töricht, blöd!

Ich bin doch auch ein rüstiger Gesell,

Mein gelbes Haar gilt mehr als noch so dunkles,

Und, statt der Inderfarbe die ihn bräunt,

Lacht helles Weiß um diese derben Knochen,

Bin größer, wies dem Meister wohl geziemt.

Und doch, gehn wir zusammen unters Volk,

In Mädchenkreis, beim Fest, bei Spiel, bei Tanz;

Mich trifft kein Aug, und ihn verschlingen sie.

Das winkt, das nickt, das lacht, das schielt, das kichert.

Und ihm gilts, ihm. Sie sind nun mal vernarrt

In derlei dumpfe Träumer, blöde Schlucker.

Er aber – Ei, er merkt nun eben nichts.

Und merkt ers endlich. Hei, was wird er rot!

Sag, guter Freund, ist das nur Zufall bloß,

Wie, oder weißt du, daß du zehnmal hübscher

Mit solcher Erdbeerfarbe auf den Wangen?

Nur heut im Tempel. Gute Götter, wars nicht,

Als ob die Erde aller Wesen Fülle

Zurückgeschlungen in den reichen Schoß

Und Mädchen draus gebildet, nichts als Mädchen?

Aus Thrazien, dem reichen Hellespont

Vermengten sich die Scharen; bunte Blumen,

So Ros’ als Nelke, Tulpe, Veilchen, Lilie,

– Ein Gänseblümchen auch wohl ab und zu –

Im Ganzen ein begeisternd froher Anblick:

Ein wallend Meer, mit Häuptern, weißen Schultern

Und runden Hüften an der Wellen Statt.

Nun frag’ ihn aber Einer, was er sah,

Obs Mädchen waren oder wilde Schwäne;

Er weiß es nicht, er ging nur eben hin.

Und doch war ers, nach dem sie Alle blickten.

Die Priestrin selbst. Ein herrlich prangend Weib!

Die besser tat, am heut’gen frohen Tag

Der Liebe Treu zu schwören ewiglich,

Als ihr sich zu entziehn, so arm als karg.

Der Anmut holder Zögling und der Hoheit.

Des Adlers Aug, der Taube süßes Girren,

Die Stirn so ernst, der Mund ein holdes Lächeln,

Fast anzuschauen wie ein fürstlich Kind,

Dem man die Krone aufgesetzt, noch in der Wiege.

Und dann; was Schönheit sei, das frag du mich.

Was weißt du von des Nackens stolzem Bau,

Der breit sich anschließt reichgewundnen Flechten;

Den Schultern, die beschämt nach rückwärts sinkend

Platz räumen den begabtern, reichen Schwestern,

Den feinen Knöcheln und dem leichten Fuß,

Und all den Schätzen so beglückten Leibes?

Was weißt du? sag’ ich, und du sahst es nicht.

Doch sie sah dich. Ich hab’ es wohl bemerkt.

Wie wir da knieten, rückwärts ich, du vorn,

Am Standbild Hymens, des gewalt’gen Gottes,

Und sie nun kam, des Opferrauchs zu streun.

Da stockte sie, die Hand hing in der Luft;

Nach dir hin schauend stand sie zögernd da,

Ein, zwei, drei kurze, ew’ge Augenblicke.

Zuletzt vollbrachte sie ihr heilig Werk.

Allein noch scheidend sprach ein tiefer Blick,

Im herben Widerspruch des frost’gen Tages,

Der sie auf ewiglich verschließt der Liebe:

„Es ist doch Schad“ und: „Den da möcht’ ich wohl!“

Gelt, lächelst doch? und schmeichelt dir, du Schlucker.

Verbirgst du dein Gesicht? Fort mit den Fingern!

Und heuchle nicht, und sag nur: ja.

(Er hat ihm die Hand von den Augen weggezogen.)

                                                        Doch, Götter!

Das sind ja Tränen. Wie? Leander! Weinst?

Leander

(der aufgestanden ist).

Laß mich und quäl mich nicht! Und sprich nicht ohne Achtung

Von ihrem Hals und Wuchs. – O ich bin dreifach elend!

Naukleros

Leander! elend? Glücklich! Bist verliebt.

Leander

Was sprichst du? Ich bin krank. Es schmerzt die Brust.

Nicht etwa innerlich. Von außen. Hier!

Hart an den Knochen. Ich bin krank, zum Tod.

Naukleros

Ein Tor bist du, doch ein beglückter Tor!

Nun, Götter, Dank, daß ihr ihn heimgesucht!

Nun schont ihn nicht mit euern heißen Pfeilen,

Bis er mir ruft: Halt ein! es ist genug;

Ich will erdulden was die Menschen leiden!

Nun Freund, gib mir die Hand! Nun erst mein Freund;

Zu spät bekehrt durch allzusüße Wonnen.

Du Neugeborner, Glücklicher! – Doch halt!

Ein garst’ger Fleck auf unsers Jubels Kleide. –

Komm mit zurück zur Stadt! dort sind die Mädchen,

Die wir beim Fest gesehn, noch all versammelt.

Dort sieh dich um, verlieb dich wie du magst.

Denn Freund, die Jungfrau, die dich jetzt erfüllt,

Ist Priesterin und hat an diesem Tag

Gelobt dem Manne sich auf ewig zu entziehn.

Und streng ist was ihr droht, wenn sies vergaß,

Und was dem Manne, ders mit ihr vergessen.

Leander

Ich wußt es ja. Komm Nacht! Und so ists aus.

Naukleros

Aus? Wieder aus? Und eh es noch begann?

Warum und wie? Friedfertiger Gesell,

Wagst du so wenig an die höchste Wonne?

Und sagst mir das mit zuckend fahlen Wangen

Und schlotterndem Gebein, und meinst ich glaubs?

Nun sollst du bleiben. Hier! Und sollst sie sprechen.

Wer weiß ist ihr Gelübd so eng und fest

Und läßt sich lösen, folgt alsbald die Reue;

Wer weiß ist deine Liebe selbst so heiß,

Als jetzt sie scheint. Doch was es immer sei:

Du sollst nicht zagen, wo zu handeln Not.

Zum mindsten kenne dein Geschick, und trags,

Und lerne scheiden von den Knabenjahren.

Wir sind hier fremd. Komm mit! Wer darf uns tadeln,

Wenn wir des Wegs verfehlen, fragen, gehn?

Zuletzt gelangen wir ins Haus, zum Tempel,

Und stehn vor ihr, und hören was sie spricht.

Dort kommt ein Mädchen mit dem Wasserkrug

In ein und andrer Hand. Die laß uns fragen.

Sie weiß wohl –

                         Doch! Leander! Sohn des Glücks!

Was zerrst du mich? Bleib hier! Sie selber ists,

Die Jungfrau, sie, die neue Priesterin.

Nach Wasser geht sie aus der heil’gen Quelle,

Das liegt ihr ob. Ergreif den Augenblick

Und sprich! Nicht allzukühn, nicht furchtsam. Hörst du?

Ich will indes rings forschen durch die Büsche,

Ob alles ruhig, und kein Lauscher nah.

Komm hier! Und sag’ ich: jetzt! so tritt hervor

Und sprich. – Doch nun vor allem still. – Komm hier!

(Sie ziehen sich zurück.)

Hero

(ohne Mantel, ungefähr wie zu Anfang des ersten Aufzuges gekleidet, kommt mit zwei leeren Wasserkrügen von der linken Seite des Vorgrundes. Sie geht quer über die Bühne und singt).

Da sprach der Gott:

Komm her zu mir,

In meine Wolken,

Neben mir.

(Leander ist, von Naukleros leicht angestoßen, einige Schritte vorgetreten. Dort bleibt er, gesenkten Hauptes, stehen. Hero geht auf der rechten Seite des Vorgrundes ab.)

Naukleros

(nach vorn kommend).

Nun denn, es sei! Du hast es selbst gewollt.

Kannst du das Glück nicht fassen und erringen,

So lern entbehren es. Und besser ists.

Heißt sie nicht gottgeweiht? und ihr zu nahn

Droht Untergang. Auch wars halb Scherz nur,

Daß ich dir riet ein Äußerstes zu tun.

Doch macht’s mich toll, den Menschen anzusehn,

Der wünscht und hofft, und dem nicht Muts genug,

Die Hand zu strecken nach des Sieges Krone.

Doch ist es besser so. Glück auf, mein Freund!

Dein zaghaft Herz, es führte diesmal sichrer,

Als Nestors Klugheit und Achillens Mut.

Nun aber komm und laß uns heim. Doch niemals

Vermiß dich mehr –

Leander

                                 Sie kehrt zurück.

Naukleros

                                                            Ei doch!

Folg du!

Leander

              Ich nicht.

Naukleros

                             Was sonst?

Leander

                                              Ihr nahen. Sprechen. Oh!

(Sie treten wieder zurück.)

Hero

(kommt zurück, einen Krug auf dem Kopfe tragend, den zweiten am Henkel in der herabhangenden rechten Hand. Sie singt).

Sie aber streichelt

Den weichen Flaum.

(Stehen bleibend und sprechend.)

Mein Oheim meint ich soll das Lied nicht singen

Von Leda und dem Schwan.

(Weitergehend.)

                                             Was schadets nur?

(Wie sie in die Mitte der Bühne gekommen, stürzt Leander plötzlich hervor, sich, gesenkten Hauptes, vor ihren Füßen niederwerfend.)

Ihr Götter, was ist das? Bin ich erschrocken!

Die Kniee beben, kaum halt’ ich den Krug.

(Sie setzt die Krüge ab.)

Ein Mann. Ein Zweiter. Fremdlinge was wollt ihr

Von mir, der Priestrin, in der Göttin Hain?

Nicht unbewacht bin ich und unbeschützt.

Erheb’ ich meine Stimme, nahen Wächter

Und lassen euch den Übermut bereun.

So geht weil es noch Zeit, und nehmt als Strafe

Des Fehls Bewußtsein mit, und daß es euch mißlang.

Naukleros

Jungfrau, nicht zu schäd’gen kamen wir,

Vielmehr um Heilung tiefverborgnen Schadens,

Der mir den Freund ergriff, ihn, den du siehst.

Der Mann ist krank.

Hero

                                    Was sagst du mirs?

Geht zu den Priestern in Apollens Tempel,

Die heilen Kranke.

Naukleros

                               Solche Krankheit nicht.

Denn wie sie ihn befiel, beim Fest, in eurem Tempel,

Verläßt sie ihn auch nur am selben Ort.

Hero

Beim heut’gen Fest?

Naukleros

                                 Beim Fest. Aus deinen Augen.

Hero

Meint ihr es also, und erkühnt euch des?

Doch wußt’ ichs ja: frech ist der Menge Sinn,

Und ehrfurchtslos, und ohne Scheu und Sitte.

Ich geh, und dienstbar nahe Männer send’ ich

Nach meinen Krügen dort, die, weilt ihr noch,

Euch sagen werden, daß ihr euch vergingt.

Naukleros

Nicht also geh! Betracht ihn erst den Jüngling,

Den du so schwer mit harten Worten schiltst.

Leander

(zu ihr emporblickend).

O bleib!

Hero

             Du bist derselbe, seh’ ich wohl,

Der heut beim Fest an Hymens Altar kniete.

Doch schienst du damals sittig mir und fromm,

Mir tut es leid, daß ich dich anders finde.

Leander

(der aufgestanden ist, mit abhaltender Gebärde).

O anders nicht! O bleib!

Hero

(zu Naukleros).

                                       Was will er denn?

Naukleros

Ich sagt’ es ja: er hängt an deinem Blick,

Und Tod und Leben sind ihm deine Worte.

Hero

Du hast dich schlimm beraten, guter Jüngling,

Und nicht die richt’gen Pfade ging dein Herz.

Denn deut’ ich deine Meinung noch so mild,

So scheint es, daß du mein mit Neigung denkst.

Ich aber bin der Göttin Priesterin,

Und ehelos zu sein heißt mein Gelübd.

Auch nicht gefahrlos ists um mich zu frein,

Dem drohet Tod, der des sich unterwunden.

Drum laßt mir meinen Krug und geht nur fort;

Mich sollt’ es reun, wenn Übles ihr erführt.

(Sie greift nach den Krügen.)

Leander

Nun denn, so senkt in Meersgrund mich hinab!

Hero

Du armer Mann, du dauerst mich, wie sehr.

Naukleros

Bei Mitleid nicht, o Priestrin, bleibe stehn!

Sei hilfreich ihm, dem Jüngling, der dich liebt.

Hero

Was kann ich tun? Du weißt ja alles nun.

Naukleros

So gib ein Wort ihm mindstens, das ihn heilt.

Komm hier! Die Büsche halten ab des Spähers Auge.

Ich setze dir in Schatten deinen Krug;

Und so komm her und gönn uns nur ein Wort.

Willst du nicht sitzen hier?

Hero

                                          Es ziemt sich nicht.

Naukleros

Tus aus Erbarmen mit des Jünglings Leiden!

Hero

(zu Leander).

So setz dich auch!

Naukleros

                              Ja hier. Und du zur Seite.

(Leander sitzt in der Mitte, den Leib an einen Baumstamm zurückgelehnt, die Hände im Schoß, gerade vor sich nieder sehend. Hero und Naukleros zu beiden Seiten, etwas vorgerückt, so daß sie sich wechselseitig im Auge haben.)

Hero

(zu Naukleros).

Ich sagt’ es schon und wiederhol’ es nun:

Niemand der lebt begehr’ um mich zu werben,

Denn gattenlos zu sein heißt mich mein Dienst.

Noch gestern, wenn ihr kamt, da war ich frei,

Doch heut versprach ichs, und ich halt’ es auch.

(Zu Leander.)

Birg nicht das Aug in deine Hand, o Jüngling!

Nein, frischen Mutes geh aus diesem Hain.

Gönn einem andern Weibe deinen Blick,

Und freu dich dessen, was uns hier versagt.

Leander

(aufspringend).

So möge denn die Erde mich verschlingen,

Sich mir verschließen all was schön und gut,

Wenn je ein andres Weib und ihre Liebe –

Hero

(zu Naukleros).

Sag ihm, er soll es nicht. Was nützt es ihm?

Was nützt es mir? Wer mag sich selber quälen?

Er ist so schön, so jugendlich, so gut,

Ich gönn’ ihm jede Freude, jedes Glück.

Er kehre heim –

Leander

                          Ich heim? Hier will ich wurzeln,

Mit diesen Bäumen stehen Tag und Nacht

Und immer schaun nach jenes Tempels Zinnen.

Hero

Des Ortes Wächter fangen, schäd’gen ihn.

Sag ihms! –

(Zu Leander.)

                     Und, guter Jüngling, kehrst du heim,

So laß des Lebens Müh und buntes Treiben

So viel verwischen dir als allzuviel,

Das andere bewahr! So will ich auch.

Und kehrt ums Jahr und jedes nächste Jahr

Zurück das heut’ge Fest, so komm du wieder.

Stell dich im Tempel, daß ich dich mag sehn.

Mich soll es freun, wenn ich dich ruhig finde.

Leander

(zu ihren Füßen stürzend).

O himmlisch Weib!

Hero

                                Nicht so. Das ziemt uns nicht.

Und sieh! Mein Oheim kommt. Er wird mich schelten,

Und zwar mit Recht, warum gab ich euch nach.

Naukleros

Nimm deinen Krug und laß daraus mich trinken,

Am Besten deutet so sich unser Tun.

Leander

(ihn wegstoßend).

                                                          Nicht du; ich, ich!

Hero

(ihm den Krug hinhaltend, aus dem er knieend trinkt).

So trink! und jeder Tropfen

Sei Trost, und all dies Naß bedeute Glück.

Der Priester kommt.

Priester

Was schaffst du dort?

Hero

                                   Sieh nur, ein kranker Mann!

Priester

Nicht deines Amtes ist der Kranken Heilung.

Sie mögen gehen in Apollens Tempel,

Dort heilt der Priester Schar.

Hero

                                              So sagt ich auch.

Priester

Allein vor allem, ob nun krank, gesund:

Der Göttin Hain, der Priesterwohnung Nähe

Betritt kein Mann, kein Fremder ungestraft.

Entlass’ ich euch, verdankt es meiner Huld.

Ein zweites Mal verfielt ihr dem Gesetze.

Naukleros

Doch sah ich erst nur Viele dort versammelt

Im Tempel und im Hain, so Mann als Frauen.

Priester

Die Zeit des Fests gibt solchem Einlaß Raum,

Vom Morgen bis zum Mittag währt die Freiheit.

Naukleros

Nun denn, die Sonne steht noch nicht so hoch;

Sie brennt und blitzt, doch lange nicht im Scheitel.

Priester

Des sei du froh und nütze diese Frist.

Denn wenn die Sonn auf ihres Wandels Zinne

Mit durst’gen Zügen auf die Schatten trinkt,

Dann tönen her vom Tempel krumme Hörner

Dem Feste Schluß, dir kündigend Gefahr.

Auch seid ihr aus Abydos sagt man mir,

Und wenig wohlgesinnt das Volk uns jener Stadt.

Beim Fischzug, und wo irgend sonst im Meer

Erhebt es Streit mit Sestos’ frommen Bürgern.

Auch das bedenkt, und daß der oft Gekränkte

Sich doppelt rächt, wenn lang er es verschob.

Naukleros

Ich aber denke: Mann, Herr, gegen Mann!

So hielt ichs gegen Sestos’ frommes Volk.

Auch: stellen sie uns nach auf diesen Küsten,

Wir zahlens ihnen jenseits, dort, bei uns.

Priester

Nicht ziemt es mir, dir Wort zu stehn und Rede.

Was Not tut ward gesagt, von anderm schweig!

(Zu Hero.)

Du aber nimm den Krug und komm!

(Da die Jünglinge ihr helfen wollen.)

                                                          Laß nur!

Dort gehen Dienerinnen.

(Er winkt nach links in die Szene.)

                                          Und so folg!

Im Tempel harrt noch mancherlei zu tun.

(Hero an der Hand führend, nach der linken Seite ab.)

Janthe

(die indessen gekommen ist).

Was habt ihr angerichtet, schöne Fremde?

Ich sah euch wohl von fern. Nun aber eilt!

Wer hieß euch auch mit euerm raschen Werben

Der Priestrin nahn, die schon dem Dienst geweiht?

Wär’ ich ein Mann, ich suchte Gleich für Gleich.

(Mit den Krügen ab.)

Naukleros

(dem Priester nachsprechend).

Selbstsücht’ger, Eigenmächt’ger, Strenger, Herber!

So schließest du die holde Schönheit ein,

Entziehst der Welt das Glück der warmen Strahlen

Und schmückst mit heil’gem Vorwand deine Tat?

Seit wann sind Götter neidisch mißgesinnt?

Daheim auch ehrt man Himmlische, bei uns;

Doch heiter tritt Zeus’ Priester unters Volk,

Umgeben von der Seinen frohen Scharen,

Und segnet Andre, ein Gesegneter.

Ihr aber habts ererbt von Morgen her,

Den schnöden Dienst mißgünst’ger Indusknechte

Und hüllet euch in Greuel und in Nacht.

Doch ists nun so. Drum komm, Unglücklicher!

Leander

Unglücklich! Meinst du mich?

Naukleros

                                              Wen sonst? – Nun, mindstens

Genügsam denn! Komm mit!

Leander

                                               Hier bin ich.

Naukleros

                                                                     Wie?

Betrachtest dir nicht einmal noch den Ort,

Von dem du nun auf immer –

Leander

                                          Immer?

Naukleros

                                                         Nicht?

So wolltest du –? Wie meinst du das? Sag an!

Leander

Horch! Tönt das Zeichen nicht? Wir müssen fort!

Naukleros

Rückhält’ger, was verbirgst du deinen Sinn?

Du willst doch nicht an diesen Ort zurück,

Wo Kerker, Unheil, Tod –

Leander

                                          Fürwahr, das Zeichen!

Die Freunde kehren heim. Komm, laß uns mit!

Mein Leben sei nur ärmlich, sprachst du selbst;

Wenns nun so wenig, gäb’ ichs nicht um viel?

Was noch geschieht; wer weiß es? – Und wer sagts?

(Schnell ab.)

Naukleros

Leander! Höre doch! – Befasse sich nur Eins

Mit derlei frost’gen Jungen! Frostig? Ei,

Das Beispiel lehrts. Doch will ich dich wohl hüten!

Und kehrst du mir zurück, eh ichs gebilligt,

Soll man – So warte doch! – Hörst du? Leander!

(Unter Händewinken und Gebärden des Zurückhaltens ihm folgend.)

Der Vorhang fällt.

Dritter Aufzug

Gemach im Innern von Heros Turm. Auf der rechten Seite des Hintergrundes in einer weiten Brüstung das hoch angebrachte Bogenfenster, zu dem einige breite Stufen emporführen. Daneben ein hohes Lampengestell. Gegen die linke Seite des Hintergrundes die schmale Türe des Haupteinganges. Eine zweite, durch einen Vorhang geschlossene Tür auf der rechten Seite des Mittelgrundes. Auf derselben Seite nach vorn ein Tisch, daneben ein Stuhl mit niedrer Rücklehne.
Nach dem Aufziehen des Vorhanges kommt ein Diener, hoch in der Hand eine Lampe tragend, die er auf den Kandelaber stellt und dann geht. Unmittelbar hinter ihm der Oberpriester mit Hero. Sie hat den Mantel um die Schultern wie zu Ende des ersten Aufzuges.

Priester

Des Dienstes heil’ge Pflichten sind vollbracht,

Der Abend sinkt; so komm denn in dein Haus,

Von heut an dein, der Priestrin stille Wohnung.

Hero

(um sich blickend).

Hier also, hier!

Priester

                        So ists. Und wie der Turm,

In dessen Innern sich dein Wohnsitz wölbt,

Am Ufer steht des Meers, getrennt, allein,

Durch Gänge nur mit unserm Haus verbunden –

Auf festen Mauern senkt er sich hinab,

Bis wo die See an seinen Füßen brandet,

Indes sein Haupt die Wolken Nachbar nennt,

Weit schauend über Meer und Luft und Land –

So wirst du fürder stehn, getrennt, vereint,

Den Menschen wie den Himmlischen verbündet;

Dein selber Herr und somit auch der Andern,

Ein doppel-lebend, auserkornes Wesen,

Und glücklich sein.

Hero

                               Hier, also hier!

Priester

                                                      Sie haben,

Ich seh’ es, die Geräte dir versammelt,

Mit denen man der Priester Wohnung schmückt.

Hier Rollen reich mit weisem Wort beschrieben,

Dort Brett und Griffel, haltend selbst-gedachtes.

Dies Saitenspiel sogar, ein altes Erbstück

Von deines Vaters Schwester und der meinen,

Einst Priesterin wie du an diesem Ort.

An Blumen fehlt es nicht. Hier liegt der Kranz,

Den du getragen bei der heut’gen Weihe.

Du findest alles was den Sinn erhebt,

Nicht Wünsche weckt und Wünsche doch befriedigt,

Den Göttern dienend, ihnen ähnlich macht.

(Auf die Seitentüre zeigend.)

Dies andere Gemach, es birgt dein Lager.

Dasselbe das die Kommende empfing

Am ersten Tag, vor sieben langen Jahren.

Das wachsen dich gesehn und reifen, blühn,

Und weise werden, still und fromm und gut.

Dasselbe das um rotgeschlafne Wangen

Die Träume spielen sah von einem Glück,

Das nun verwirklicht – doch du träumst auch jetzt.

Hero

Ich höre guter Ohm.

Priester

                                  Gesteh ich dirs?

Ich dachte dich erfreuter mir am Abend

Des sel’gen Tags, der unser Wünschen krönt.

Was wir gestrebt, gehofft, du hast, du bist es;

Und statt entzückt, find’ ich dich stumm und kalt.

Hero

Du weißt, mein Ohm, wir sind nicht immer Herr

Von Stimmungen, die kommen, wandeln, gehn,

Sich selbst erzeugend und von nichts gefolgt.

Das Höchste, Schönste, wenn es nun erscheint,

Indem es anders kommt, als wirs gedacht,

Erschreckt beinah, wie alles Große schreckt.

Doch gönne mir nur eine Nacht der Ruh,

Des Sinnens, der Erholung, und, mein Ohm,

Du wirst mich finden, die du sonst gekannt.

Der Ort ist still, die Lüfte atmen kaum;

Hier ebben leichter der Gedanken Wogen,

Der Störung Kreise fliehn dem Ufer zu,

Und Sammlung wird mir werden, glaube mir.

Priester

Sammlung? Mein Kind, sprach das der Zufall bloß?

Wie, oder fühltest du des Wortes Inhalt,

Das du gesprochen, Wonne meinem Ohr?

Du hast genannt den mächt’gen Weltenhebel

Der alles Große tausendfach erhöht,

Und selbst das Kleine näher rückt den Sternen.

Des Helden Tat, des Sängers heilig Lied,

Des Sehers Schaun, der Gottheit Spur und Walten,

Die Sammlung hats getan und hats erkannt,

Und die Zerstreuung nur verkennts und spottet.

Sprichts so in dir? Dann, Kind, Glück auf!

Dann wirst du wandeln hier, ein selig Wesen.

O Des Staubes Wünsche weichen scheu zurück;

Und wie der Mann, der Abends blickt gen Himmel,

Im Zwielicht noch, und nichts ersieht als Grau,

Farbloses Grau, nicht Nacht und nicht erleuchtet;

Doch schauend unverwandt, blinkt dort ein Stern

Und dort ein zweiter, dritter, hundert, tausend,

Die Ahnung einer reichen, gotterhellten Nacht,

Ihm nieder in die feuchten, sel’gen Augen.

Gestalten bilden sich und Nebel schwinden,

Der Hintergrund der Wesen tut sich auf,

Und Götterstimmen, halb aus eigner Brust

Und halb aus Höhn, die noch kein Blick ermaß –

Hero

Du weißt, mein Ohm, nicht also hohen Flugs

Erhebt sich mir der Geist. So viel nicht hoffe!

Allein was not, und was mir auferlegt,

Gedenk’ ich wohl zu tun. Des sei gewiß.

Priester

Wohlan auch das. Ists gleich nicht gut und recht,

Beim Anfang einer Bahn das Ziel so nah,

So ärmlich nahe sich das Ziel zu setzen.

Doch seis, für jetzt. Nur noch dies Eine merk:

Bei allem was dir bringt die Flucht der Tage,

Den ersten Anlaß meid! Wer Taten-kräftig

Ins rege Leben stürzt, wo Mensch den Menschen drängt,

Er mag Gefahr mit blankem Schwerte suchen,

Je härtrer Kampf, so rühmlicher der Sieg.

Doch wessen Streben auf das Innre führt,

Wo Ganzheit nur, des Wirkens Fülle fördert,

Der halte fern vom Streite seinen Sinn,

Denn ohne Wunde kehrt man nicht zurück,

Die noch als Narbe mahnt in trüben Tagen.

Der Strom, der Schiffe trägt und Wiesen wässert,

Er mag durch Felsen sich und Klippen drängen,

Vermischen sich mit seiner Ufer Grund,

Er fördert, nützt, ob klar, ob trüb verbreitet:

Allein der Quell, der Mond und Sterne spiegelt,

Zu dem der Pilger naht mit durst’gem Mund,

Die Priesterin, zu sprengen am Altar;

Der wahre rein die ewig lautern Wellen,

Und nur bewegt, ist ihm auch schon getrübt.

Und so schlaf wohl! Bedarfst du irgend Rat,

Such ihn bei mir, bei deinem zweiten Vater.

Doch stießest du des Freundes Rat zurück,

Du fändest auch in mir den Mann, der willig,

Das eigne Blut aus diesen Adern gösse,

(mit ausgestrecktem Arm)

Wüßt’ er nur einen Tropfen in der Mischung,

Der Unrecht birgt und Unerlaubtes hegt.

(Er geht nach der Mitteltüre.)

Hero

(nach einer Pause).

Ich merke wohl, der Vorfall in dem Hain

Mit jenen Fremden hat mir ihn verstimmt.

Und, wahrlich, er hat Recht. Gesteh’ ichs nur!

Wenn ich nicht Hero war, nicht Priesterin,

Den Himmlischen zu frommen Dienst geweiht,

Der Jüngere, der Braungelockte, Kleinre,

Vielleicht gefiel er mir. – Vielleicht? – Je nun!

Ich weiß nunmehr, daß, was sie Neigung nennen,

Ein Wirkliches, ein zu Vermeidendes,

Und meiden will ichs wohl. – Ihr guten Götter!

Wie vieles lehrt ein Tag, und ach, wie wenig

Gibt und vergißt ein Jahr. – Nun, er ist fern,

Im ganzen Leben seh’ ich kaum ihn wieder,

Und so ists abgetan. – Wohl gut!

(Sie nimmt den Mantel ab.)

Hier liege du! Mit wie verschiednem Sinn,

Nahm Morgens ich, leg’ ich dich Abends hin.

Ein Leben hüllst du ein in deine Falten.

Bewahre was du weißt, ich leg’ es ab mit dir.

Doch was beginnen nun? Ich kann nicht schlafen.

(Die Lampe ergreifend und in die Höhe haltend.)

Beseh’ ich mir den Ort? – Wie weit! – wie leer! –

Genug werd’ ich dich schaun manch langes Jahr,

Gern spar’ ich was du beutst für künft’ge Neugier.

Horch! – Es war nichts. – Allein, allein, allein!

(Sie hat die Lampe seitwärts aufs Fenster gestellt und steht dabei.)

Wie ruhig ist die Nacht! Der Hellespont

Läßt Kindern gleich die frommen Wellen spielen;

Sie flüstern kaum, so still sind sie vergnügt.

Kein Laut, kein Schimmer rings. Nur meine Lampe

Wirft bleiche Lichter durch die dunkle Luft.

Laß mich dich rücken hier an diese Stäbe!

Der späte Wanderer erquicke sich

An dem Gedanken, daß noch Jemand wacht,

Und bis zu fernen Ufern jenseits hin

Sei du ein Stern und strahle durch die Nacht.

Doch würdest du bemerkt. Drum komm nur schlafen,

Du bleiche Freundin mit dem stillen Licht.

(Sie trägt die Lampe.)

Und wie ich lösche deinen sanften Strahl,

So möge löschen auch was hier noch flimmert,

Und nie mehr zünd’ es neu ein neuer Abend an.

(Sie hat die Lampe auf den Tisch gesetzt.)

So spät noch wach? – Ei Mutter, bitte, bitte! –

Nein, Kinder schlafen früh! – Nun denn, es sei!

(Sie nimmt das Geschmeide aus dem Haar und singt dabei mit halber Stimme.)

Und Leda streichelt

Den weichen Flaum.

Das ew’ge Lied! Wie kommts mir nur in Sinn?

Nicht Götter steigen mehr zu wüsten Türmen,

Kein Schwan, kein Adler bringt Verlaßnen Trost.

Die Einsamkeit bleibt einsam und sie selbst.

(Sie hat sich gesetzt.)

Auch eine Leier legten sie hierher.

Ich habe nie gelernt darauf zu spielen.

Ich wollte wohl, ich hätts! – Gedanken, bunt

Und wirr durchkreuzen meinen Sinn,

In Tönen lösten leichter sie sich auf.

Ja denn, du schöner Jüngling, still und fromm!

Ich denke dein in dieser späten Stunde,

Und mit so glatt verbreitetem Gefühl,

Daß kein Vergehn sich birgt in seine Falten.

Ich will dir wohl, erfreut doch, daß du fern;

Und reichte meine Stimme bis zu dir,

Ich riefe grüßend: Gute Nacht!

Leander

(im Hintergrunde von Außen am Fenster erscheinend).

                                                 Gut Nacht!

Hero

Ha, was ist das? – Bist, Echo, dus, die spricht?

Suchst du mich hier in meiner Einsamkeit?

Sei mir gegrüßt, o schöne Nymphe!

Leander

                                                        Nymphe,

Sei mir gegrüßt!

Hero

                           Das ist kein Widerhall!

Ein Haupt! – Zwei Arme! – Ha, ein Mann im Fenster!

Er hebt sich, kommt! Schon kniet er in der Brüstung.

Zurück! Du bist verloren, wenn ich rufe.

Leander

Nur einen Augenblick vergönne mir!

Die Steine bröckeln unter meinen Füßen;

Erlaubst du nicht, so stürz’ ich wohl hinab.

Ein Weilchen nur, dann klimm’ ich gern zurück.

(Er läßt sich ins Gemach herein.)

Hero

Dort steh und reg dich nicht! – Unsel’ger,

Was führte dich hierher?

Leander

(im Hintergrunde nahe beim Eingange stehen bleibend).

                                         Ich sah dein Licht

Mit hellem Glanze strahlen durch die Nacht.

Auch hier wars Nacht und sehnte sich nach Licht.

Da klomm ich denn herauf.

Hero

                                             Wer dein Genosse?

Wer hielt die Leiter dir, bot Arm und Hilfe?

Leander

Nicht Leiter führte mich, noch äußre Hilfe.

Den Fuß setzt’ ich in lockrer Steine Fugen,

An Ginst und Efeu hielt sich meine Hand.

So kam ich her.

Hero

                         Und wenn du, gleitend, stürztest?

Leander

So war mir wohl.

Hero

                           Und wenn man dich erblickt?

Leander

Man hat wohl nicht.

Hero

                                 Des heil’gen Ortes Hüter

Die Wache gehen sie zu dieser Zeit.

Unseliger! Ward dir denn nicht geboten,

Bat ich nicht selbst? du solltest kehren heim.

Leander

Ich war daheim, doch ließ mirs keine Ruh;

Da warf ich mich ins Meer und schwamm herüber.

Hero

Wie? Von Abydos’ weitentlegner Küste?

Zwei Ruderer ermüdeten der Fahrt.

Leander

Du siehst, ich habs vermocht. Und wenn ich starb,

Der ersten Welle Raub, erliegend, sank;

Wars eine Spanne näher doch bei dir,

Und also süßrer Tod.

Hero

                                 Dein Haar ist naß

Und naß ist dein Gewand. Du zitterst auch.

Leander

Doch zittr’ ich nicht vor Frost; mich schüttert Glut.

(Im Begriff, immer im Hintergrunde bleibend, sich auf ein Knie niederzulassen.)

Hero

Laß das, und bleib! Ruh dich ein Weilchen aus,

Denn bald, und du mußt fort. So wars mein Licht,

Die Lampe, die dir Richtung gab und Ziel?

Du mahnst mich recht, sie künftig zu verbergen.

Leander

O tu es nicht! O Herrin, tu es nicht!

Ich will ja nicht mehr kommen, wenn du zürnst,

Doch dieser Lampe Schein versag mir nicht!

Als diese Nacht ich schlaflos stieg vom Lager,

Und, öffnend meiner Hütte niedre Tür,

Aus jenem Dunkel trat in neues Dunkel,

Da lag das Meer vor mir mit seinen Küsten,

Ein schwarzer Teppich, ungeteilt, zu schaun,

Wie eingehüllt in Trauer und in Gram.

Schon gab ich mich dem wilden Zuge hin!

Da, am Gesichtskreis flackert hell empor

Ein kleiner Stern, wie eine letzte Hoffnung

Zu goldnen Fäden tausendfach gesponnen,

Umzog der Schein, ein Netz, die trübe Welt:

Das war dein Licht, war dieses Turmes Lampe.

In mächt’gen Schlägen schwoll empor mein Herz,

Nicht halten wollt’ es mehr in seinen Banden;

Ans Ufer eilt’ ich, stürzte mich ins Meer,

Als Leitstern jenen Schimmer stets im Auge.

So kam ich her, erreichte diese Küste.

Ich will nicht wieder kommen, wenn du zürnst,

Doch raube nicht den Stern mir meiner Hoffnung,

Verhülle nicht den Trost mir dieses Lichts.

Hero

Du guter Jüngling, halt mich nicht für hart,

Weil ich nur schwach erwidre deine Meinung.

Doch kanns nicht sein, ich sagt’ es dir ja schon.

Ich bin verlobt zu einem strengen Dienst,

Und liebeleer heischt man die Priesterin.

Ehgestern, wenn du kamst, war ich noch frei,

Nun ists zu spät. Drum geh und kehr nicht wieder!

Leander

Man nennt ja mild die Sitten deines Volks,

Sind sie so streng, und drohen sie so viel?

Hero

Die Meder und die Baktrer, fern im Osten,

Sie töten Jene, die, der Sonne Priestrin,

Das Aug auf den geliebten Jüngling warf.

Mein Volk, nicht also mordbegier’gen Sinns,

Es schonet zwar das Leben der Verirrten,

Allein stößt aus sie, und verachtet sie,

Zugleich ihr ganzes Haus und all die Ihren.

Das kann nicht sein mit Hero, fühlst du wohl.

Drum also geh, und trage was du mußt.

Leander

So soll ich fort?

Hero

                        Du sollst. Doch nicht denselben Pfad

Der dich hierher geführt, er scheint gefährlich.

Durch jene Pforte geh, und folg dem Gang,

Der dich ins Freie führt.

(Mit erregter Aufmerksamkeit einen Augenblick inne haltend.)

                                       Doch hab mir Acht,

Denn – Horch! – Bei aller Götter Namen!

Ich höre Tritte hierwärts durch den Gang.

Man kommt! Sie nahn! Unsel’ge Stunde! Weh!

Leander

Ist hier kein Ort, der schützend mich verbirgt?

Ha, dort hinein.

(Auf die Seitentüre zugehend.)

Hero

                           Beträtst du mein Gemach?

Hier bleib! Hast dus gewagt, laß sie dich finden, stirb!

Ich selber will hinein.

Leander

                                   Sie nahen.

Hero

(nach der Seitentüre hin zeigend).

                                                     Hier!

Geh nur hinein! Und nimm die Lampe mit!

Laß es hier dunkel sein! Hörst du? Nur schnell!

Allein nicht vorwärts dring, bleib nah der Tür!

Schnell, sag’ ich, schnell!

Leander

                                        Du aber?

Hero

                                                       Still! und fort!

(Leander hat die Lampe ergriffen und geht durch die Seitentüre ab. Das Gemach ist dunkel.)

Nun, Götter, waltet ihr in eurer Milde!

(Sie senkt sich in den Stuhl, mit halbem Leibe sitzend, so daß das linke herabgesenkte Knie beinahe den Boden berührt, die Augen mit der Hand verhüllt, die Stirne gegen den Tisch gelehnt.)

Des Tempelhüters Stimme

(von außen).

Ist hier noch Jemand wach?

Janthe

(eben so).

                                             Du siehst ja, alles dunkel.

(Die Türe wird halb geöffnet.)

Tempelhüter

Doch sah ich Licht.

Janthe

Das schien dir wohl nur so.

Auch wohnt die Priestrin hier, du weißt es selbst.

Tempelhüter

Doch was ich sah, lass’ ich mir nicht bestreiten

(die Türe schließt sich)

Und kommt der Tag, soll es sich weisen, ob –

(Die Worte verhallen, die Tritte entfernen sich.)

Hero

O Scham und Schmach!

Leander

(aus der Seitentüre tretend).

                                        So sind sie fort? – Wo weilst du?

Bist, Jungfrau, du noch hier?

(Er berührt, suchend, ihre Schulter.)

Hero

(emporfahrend).

                                              Wo ist das Licht?

Die Lampe, wo? Bring erst die Lampe sag’ ich!

(Leander geht zurück.)

O alles Unheil auf mein schuldig Haupt!

Leander

(der mit der Lampe zurückkommt).

Hier ist dein Licht.

(Er setzt es hin.)

                                Und dank mit mir den Göttern –!

Hero

(rasch aufstehend).

Dank, sagst du? Dank? Wofür? Daß du noch lebst?

Das all dein Glück? Entsetzlicher! Verruchter!

Was kamst du her? nichts denkend als dich selbst,

Und störst den Frieden meiner stillen Tage,

Vergiftest mir den Einklang dieser Brust?

O hätte doch verschlungen dich das Meer,

Als du den Leib in seine Wogen senktest!

Wär’, abgelöst, entglitten dir der Stein,

An dem du dich, den Turm erklimmend, hieltst,

Und du – Entsetzlich Bild! – Leander, o –!

Leander

Was ist? Was schiltst du nicht?

Hero

                                                Leander, hörst du?

Kehr nicht den Weg zurück, auf dem du kamst,

Gefahrvoll ist der Pfad. – Entsetzlich, greulich!

Was ist es, das den Menschen so umnachtet,

Und ihn entfremdet sich, dem eignen Selbst

Und fremdem dienstbar macht? – Als sie nun kamen,

Drei Schritte fern, und nun mich fanden, sahn;

Ich zitterte, – doch nicht um mich! – Verkehrtheit!

Ich zitterte für ihn!

Leander

                               Und darf ichs glauben?

Hero

Laß das! Berühr mich nicht! – Das ist nicht gut,

Was so verkehrt die innerste Natur,

Auslöscht das Licht, das uns die Götter gaben,

Daß es uns leite, wie der Stern des Pols

Den Schiffer führt.

Leander

                                Das nennst du schlimm?

Und alle Menschen preisens hochbeglückt,

(Er kniet vor ihr.)

Und Liebe nennen sies.

Hero

                                       Du armer Jüngling!

So kam denn bis zu dir das bunte Wort,

Und du, du sprichst es nach und nennst dich glücklich?

(Sein Haupt berührend.)

Und mußt doch schwimmen durch das wilde Meer,

Wo jede Spanne Tod; und kommst du an,

Erwarten Späher dich und wilde Mörder –

(Mit einem Blick nach rückwärts zusammenfahrend.)

Leander

(der aufspringt).

Was ist?

Hero

              O jeder Laut dünkt mich ein Häschertritt!

Die Kniee zittern.

Leander

                              Hero, Hero, Hero!

Hero

Laß das! Berühr mich nicht! Du mußt nun fort!

Ich selber leite dich den sichern Pfad.

Denn, wenn sie kämen, dich hier fanden, fingen –

(Sich an der Lehne des Stuhles festhaltend.)

Leander

(nach einer kleinen Pause).

Und darf ich, Jungfrau, wieder kommen?

Hero

                                                                 Du!?

Leander

So meinst du: nie? in aller Zukunft nie?

Kennst du das Wort und seinen grausen Umfang?

Dann auch: Du warst um mich besorgt. Weißt du?

Ich muß zurück durchs brausend wilde Meer,

Wirst du nicht glauben, daß ich sank und starb,

Bleibt kundlos dir mein Weg?

Hero

                                               Send einen Boten mir!

Leander

Ich habe keinen Boten als mich selbst.

Hero

Nun denn, du holder Bote; komm denn, komm!

Allein nicht hier an diesen Todesort. Am Ufer

Streckt eine Zunge sandig sich ins Meer.

Dort komm nur hin, verbirg dich in den Büschen;

Vorübergehend hör’ ich was du sprichst.

Leander

Die Lampe aber hier, laß sie mir leuchten,

Die Wege sie mir zeigen meines Glücks.

Wann aber komm’ ich wieder? Jungfrau sprich!

Hero

Am Tag des nächsten Fests.

Leander

                                           Du scherzest wohl!

Sag, wann?

Hero

                  Wenn neu der Mond sich füllt.

Leander

Bis dahin schleichen zehen lange Tage!

Trägst du die Ungewißheit bis dahin? Ich nicht!

Ich werde fürchten, daß man uns bemerkt,

Du wirst mich tot in deinem Sinne schaun;

Und zwar mit Recht! Denn raubt mich nicht das Meer,

So tötet Sorge mich, die Angst, der Schmerz.

Sag: übermorgen; sag: nach dreien Tagen.

Die nächste Woche sag!

Hero

                                     Komm Morgen denn!

Leander

O Seligkeit! o Glück!

Hero

                                 Und kehrst du heim, Leander,

Das Meer durchschwimmend, nächtig, wie du kamst;

So wahre dieses Haupt, und diesen Mund,

Und diese meine Augen. Hörst du wohl?

Versprich es mir!

(Da er sie umfassen will, zurücktretend.)

Nein, nein! – Nun aber folge!

Ich leite dich!

(Sie geht nach dem Tische, die Lampe zu holen.)

Leander

(ihr mit den Augen folgend).

                       O herrlich, himmlisch Weib!

Hero

Was kommst du nicht?

Leander

                                      Und soll ich also darbend

Verlassen diesen sel’gen Götterort?

Kein Zeichen deiner Huld, kein armes Pfand

Fort mit mir tragen, meiner Sehnsucht Labung?

Hero

Wie meinst du das?

Leander

                               Nicht mindestens die Hand? –

Und dann! – Sie legen Lipp an Lippe,

Ich sah es wohl, und flüstern so sich zu,

Was zu geheim für die geschwätz’ge Luft.

Mein Mund sei Mund, der deine sei dein Ohr!

Leih mir dein Ohr für meine stumme Sprache!

Hero

Das soll nicht sein!

Leander

                              Muß ich so viel? du nichts?

Ich in Gefahr und Tod, du immer weigernd?

(Kindisch trotzend.)

Ich werde sinken, kehr’ ich trauernd heim.

Hero

(eben so).

Du, frevle nicht!

Leander

                          Und du gewähr!

Hero

Wenn du dann gehst.

Leander

(auf ein Knie niedersinkend).

                                  Gewiß!

Hero

                                               Und mir nicht streitest,

Daß ich zu leicht die Wange dir berührt;

Nein, dankbar bist vielmehr und fromm dich fügst.

Leander

Du zögerst noch!

Hero

                            Die Arme falte rückwärts,

Wie ein Gefangener, der Liebe, mein Gefangner.

Leander

Sieh, es geschah.

Hero

(das Licht auf den Boden stellend).

                             Die Lampe solls nicht sehn.

Leander

Du kommst ja nicht!

Hero

                                 Bist du so ungeduldig?

So soll auch nie – Und doch, wenns dich beglückt.

So nimm und gib!

(Sie küßt ihn rasch.)

                             Nun aber mußt du fort!

Leander

(aufspringend).

Hero!

Hero

          Nein, Nein!

(Zur Türe hinauseilend.)

Leander

                               Wenn ich dir flehe. Hero!

Verwünscht! neidisches Glück!

(An der Türe horchend.)

                                                 Doch hör’ ich Tritte,

Es sind die ihren, nähern sich der Tür,

Leis auf den Zehn. – So kommt sie wieder? – Götter!

Der Vorhang fällt.

Vierter Aufzug

Offner Platz, im Hintergrunde das Meer. Rückwärts auf der linken Seite Heros Turm mit einem halb gegen das Meer gerichteten Fenster und einem schmalen Eingange, zu dem einige Stufen emporführen. Daneben am Ufer einige hochgewachsene Sträucher. Nach vorn auf derselben Seite laufen Schwibbögen und Säulen, die Nähe von Wohnungen bezeichnend. Die rechte Seite frei mit Bäumen. Quer in die Bühne hineinstehend eine steinerne Ruhebank.
Nach dem Aufziehen des Vorhanges hört man hinter der Szene

Die Stimme des Tempelhüters

Hierher, hierher, ihr Diener dieses Hauses!

Dann tritt Hero ganz vorne rechts auf.

Hero

Er ist hinüber. Allen Göttern Dank!

Wars doch, als hätte sich das All verschworen

Ihn hier zu halten bis zum lichten Tag.

Ein Gehen war und Kommen ohne Ruh.

Und er stand da, im Winkel still geduckt.

Da endlich kam der günst’ge Augenblick. –

Nun, er ist fort, und ich bin wieder ruhig.

Auf derselben Seite, mehr nach rückwärts, kommt der Tempelhüter, ein Horn am Bande um den Leib, und einen Spieß auf der linken Schulter, ihr bei jeder Bewegung folgend.

Tempelhüter

Du sahst ihn wohl?

Hero

                                Wen doch?

Tempelhüter

                                                   Den fremden Mann.

Er sprang nur jetzt ins Meer.

Hero

                                              Nur jetzt? so rasch?

Tempelhüter

Drei Schritte kaum von dir.

Hero

                                              Und sah ihn nicht?

(Sie geht auf den Turm zu.)

Tempelhüter

Wohl sahst du ihn, und mußtest wohl ihn sehn!

Hero

(weitergehend).

Muß ich? Bin ich denn Wächter so wie du?

Tempelhüter

Nicht Wächter. – Zwar, wenn Wächter ist, wer wacht:

Du wachtest ziemlich lang bei deiner Lampe.

Hero

Ei, daß du alles siehst!

Tempelhüter

                                    Wohl seh ich, wohl!

Der Priester kommt von der linken Seite.

Priester

Find ich hier Streit?

Hero

(auf den Stufen des Turms).

                                  Der Mann da ist nicht klug.

Tempelhüter

Wollt’ ich nur reden, ei!

Hero

                                        Er spricht und spricht!

Ich geh’!

Priester

              Wohin?

Hero

                             In Turm.

Priester

                                            Was dort?

Hero

                                                             Zu schlafen.

(Ab in den Turm.)

Tempelhüter

Zu schlafen, ja! nachdem sie lang gewacht!

Priester

Was war denn hier?

Tempelhüter

(Heron nachsprechend).

Und nennst du mich nicht klug?

Weil ich ein Diener nur, ihr hohen Stamms?

Meinst du, die Klugheit erbe eben fort

Vom Vater auf den Sohn, wie Geld und Gut?

Ei, klug genug, und schlau genug, und wachsam!

(Er stößt den Spieß in den Boden.)

Priester

Soll ich erfahren denn?

Tempelhüter

(noch immer Heron nachsprechend).

                                         Ei ja, ja doch!

Priester

(zum Gehen gewendet)-

Du leistest, merk’ ich, selber dir Gesellschaft.

Ich gönne sie, und überlass’ dich ihr.

Tempelhüter

Herr! Eben sprang ein Mann vom Ufer in die Flut.

Priester

Das also wars?

Tempelhüter

                        Und Hero stand nicht fern.

Priester

Er sprang wohl auch, stand ich in seiner Nähe.

Tempelhüter

Und dort in jenem Turme brannte Licht,

Die ganze Nacht.

Priester

                            Das sollte freilich nicht.

Doch Hero weiß wohl kaum, daß wir vermeiden,

Durch Licht und Flamme, Bösgesinnten, Feinden,

Den Weg zu zeigen selber durch die Klippen,

Mit denen sich die Küste gürtend schützt.

Drum warne sie!

Tempelhüter

                          Ei, daß sie meiner spottet!

Sie wußt’ es wohl, und dennoch brannte Licht,

Das macht: sie wachte, Herr.

Priester

                                                So?

Tempelhüter

                                                       Bis zum Morgen.

Und oben wars so laut und doch so heimlich,

Ein Flüstern und ein Rauschen hier und dort;

Die ganze Gegend schien erwacht, bewegt.

Im dichtsten Laub ein sonderbares Regen,

Wie Windeswehn, und wehte doch kein Wind.

Die Luft gab Schall, der Boden tönte wider

Und was getönt und widerklang war: nichts.

Das Meer stieg rauschend höher an die Ufer,

Die Sterne blinkten, wie mit Augen winkend,

Ein halbenthüllt Geheimnis schien die Nacht.

Und dieser Turm war all des dumpfen Treibens

Und leisen Regens Mittelpunkt und Ziel.

Wohl zwanzigmal eilt’ ich an seinen Fuß,

Nun, meinend, nun das Rätsel zu enthüllen,

Und sah hinan; nichts schaut’ ich, als das Licht,

Das fort und fort aus Heros Fenster schien.

Ein einzigmal lief wie ein Mannesschatten

Vom Meeresufer nach dem Turme zu;

Ich folg’ und, angelangt, war wieder nichts,

Nur Rauschen rings und Regen, wie zuvor.

Priester

Scheints doch, des ganzen Wunders voller Inhalt,

Mit Ursach und mit Wirkung, lag in dir.

Tempelhüter

Ei, Herr, und warum brannte denn das Licht,

Die ganze Nacht, bis kurz, wie ich berichtet?

Als mich der Spuk zum Rasen halb gebracht,

Trat ich ins Innre des Gebäudes, jenseits,

Wo an den Turm der Diener Wohnung schließt.

Da fällt Janthe mir zuerst ins Auge,

Gekleidet und geschmückt, als wärs am Tag.

Priester

Des Rätsels Lösung bietet sich von selbst.

Frag du das Mädchen. Ruf sie her! Du kennst sie,

Und weißt, wie oft sie Störung schon gebracht.

Tempelhüter

So dacht’ ich auch, und schalt sie tüchtig aus.

Allein das Licht an jenem, jenem Fenster.

Und dann: als kurz ich vor im Haine ging,

Springt, hup! ein Mann ins brausend schäum’ge Meer.

Und in demselben Augenblick tritt Hero,

Drei Schritte kaum entfernt, aus dem Gebüsch.

Priester

Wenn du vermuten willst, such andern Stützpunkt,

Nur was dir ähnlich treffe dein Verdacht.

Tempelhüter

Nur was mir ähnlich? Ei, ich seh’ es kommen!

Dem Diener sei nicht Urteil, noch Verstand.

Priester

Ruf mir Janthen!

Tempelhüter

                           Aber, Herr, das Licht!

Priester

Janthen, sag ich dir!

Tempelhüter

                                Und jener Mann,

Der sprang ins Meer, und gen Abydos schwamm?

Priester

Wie sagst du? Gen Abydos?

Tempelhüter

                                            Wohl!

Priester

                                                      Abydos?

Ruf mir Janthen!

Tempelhüter

                           Wohl!

Priester

                                        Und Heron sage –

(Eine Rolle aus dem Busen ziehend.)

Gib ihr dies Schreiben, das von ihren Eltern

Nur eben kam, und das – Vielmehr, laß nur! –

Sag ihr, daß ich die Dienerin beschied.

(Der Tempelhüter ab in den Turm,)

Priester

                                                             Abydos!

Was ists, daß dieser Name mich durchfährt?

War aus Abydos nicht das Fremdenpaar,

Das jüngst im Hain – Wahnsinn, es nur zu denken!

Und doch! Ist nicht das Jünglingsalter kühn,

Und bleibt nicht gern auf halbem Wege stehn,

Vor allem wo Verbotnes lockt. Wenn sie

Versucht, das Abenteuer zu bestehn,

Das mein Dazwischentritt gestört, und Hero,

Unwissend trüge sie des Wissens Schuld,

Nebstdem, daß sie noch jung und neu im Leben,

Noch unbelehrt zu meiden die Gefahr,

Ja zu erkennen sie. – Genug, genug!

In meinem Innern reget sich ein Gott,

Und warnt mich, zu verhüten, ehs zu spät!

(Der Tempelhüter ist zurückgekommen.)

Nun?

Tempelhüter

           Hero hält Janthen noch bei sich.

Die Priestrin ruht, gelehnt auf weichen Pfühl,

Das Mädchen kniet vor ihr, und spricht und tändelt.

Man läßt dich bitten, Herr –

Priester

                                              Sie zögern, wie?

Heiß du Janthen Augenblicks mir nahn.

Tempelhüter

Nur aber –

Priester

                  Und wenn still auch sonst und klug!

Der Wahnsinn der das kluge Weib befällt,

Tobt heft’ger als der Torheit wildstes Rasen.

Janthe kommt.

Tempelhüter

Ei komm nur immer, komm nur, du Geschmückte!

Hier frägt man dich, warum so spät du wachst.

Priester

Von allem was sich Schlimmes je begab

In diesem Haus, fand ich dich immer wissend,

Belehrt durch Mitschuld, oder Neugier mindstens.

Nun meldet man, daß sich in dieser Nacht

Verdächtig Treiben hier am Turm geregt.

Auch fand dich dieser Mann, da alles schlief,

Noch wachend und gekleidet in den Gängen.

Drum steh ihm Red und sage was du weißt.

(Er entfernt sich.)

Janthe

Bei allen Göttern, Herr –

Priester

(zurücksprechend).

                                          Laß du die Götter!

Und sorg erst wie den Menschen du genügst.

Janthe

Nichts weiß ich ja; ich hörte nur Bewegung,

Ein Kommen und ein Gehn. Die Nacht war schwül;

Da lauscht’ ich vor der Tür, und ging dann schlafen.

Tempelhüter

So nennst du: vor der Tür, zwei Treppen hoch?

Ich fand dich in dem Gang vor Heros Kammer.

Janthe

Ich war so bang, allein; da wollt’ ich Hero fragen,

Ob sie gehört, und ob ihr bang wie mir?

Priester

(sich wieder nähernd).

Ich aber sage dir du sollst gestehn!

Denn daß du weißt, zeigt mir dein ängstlich Zagen.

Hero kommt.

Hero

Was ist denn nur? Warum berief man uns?

Priester

Hier ist Janthe, die du kennst, gleich mir.

Sie wird beschuldigt, daß bei nächt’gem Dunkel –

Hero

Man tut ihr wohl zu viel!

Priester

                                       So weißt du –?

Hero

                                                               Herr!

Ich weiß nur, daß der Mensch gar gern beschuldigt,

Und vollends dieser Mann ist wirren Sinns.

Priester

Doch ists gewiß: ein Fremder war am Turm.

Hero

(nach einer Pause).

Nun Herr, vielleicht der Überird’schen Einer!

Du sprachst ja selbst: in altergrauer Zeit

Stieg oft ein Gott zu sel’gen Menschen nieder.

Zu Leda kam, zum fürstlichen Admet,

Zur strengverwahrten Danae ein Gott.

Warum nicht heut? Zu ihr; zu uns, zu wem du willst.

(Sie geht auf die Ruhebank zu.)

Priester

Sprach das der Spott? und dünkt das Heil’ge dir –?

(Zu Janthen.)

Nun Törin, oder Schuldige, gesteh!

Janthe

Frag doch nur Hero selbst. Sie wohnt im Turm;

War dort Geräusch, vernahm sie es wohl auch.

Priester

(sich Hero nähernd).

Hörst du?

Hero

(die sich gesetzt hat, halb singend, den Kopf in die Hand gestützt).

Sie war so schön,

Ein Königskind.

(Sprechend.)

Nun lichter Schwan, flogst du zu lichten Sternen?

Priester

Hero!

Hero

(emporfahrend).

           Was ist? Wer faßt mich an? Was willst du?

Priester

Hast du vergessen schon?

Hero

                                         Nicht doch! ich weiß

Was man beschuldigt Jene, ohne Grund.

Sei du nicht bang, Janthe, frohen Muts!

Wenn Alle dich verließen, Alle sie,

In meiner Brust lebt dir ein warmer Anwalt.

(Sie küssend.)

Wenn sie dich quälen, Gute, komm zu mir!

Nun aber geh, sie spotten dein und meiner.

Priester

Bleib noch!

(Janthe zieht sich zurück.)

Priester

(zu Hero).

                    Du liebtest nie das Mädchen sonst.

Woher der Anteil nun?

Hero

(die aufgestanden ist).

                                     Was frägst du mich?

Sie ist gekränkt, brauchts da noch andern Grund?

Priester

Doch wem galt jene nächtig dunkle Störung?

Hero

Warum denn ihr?

Priester

                            Wem sonst?

Hero

                                                Die Lüfte wissens;

Doch sie verschweigens auch.

Priester

                                               Nun denn, zu dir. Man sah

In deinem Turme Licht die ganze Nacht.

Tu das nicht mehr.

Hero

                                Wir haben Öl genug.

Priester

Doch siehts das Volk und deutets wie es mag.

Hero

Mags denn!

Priester

                   Auch riet ich dir den Schein zu meiden,

Den Schein sogar; viel mehr noch wahren Anlaß.

Hero

Wir meiden ihn, doch meidet er auch uns?

Priester

Sprichst aus Erfahrung du?

Hero

                                            Was ist die Zeit?

Wie lang ist noch bis Abend?

Priester

                                              Und warum?

Hero

Gesteh’ ichs, ich bin müd.

Priester

                                          Weil du gewacht?

Hero

So ists. Der Wind kommt uns aus Osten denk’ ich,

Und ruhig ist die See. Nun, gute Nacht!

Priester

Am hohen Tage? Hero, Hero, Hero!

Hero

Was willst du, Ohm?

Priester

                                  Hab Mitleid mit dir selbst!

Hero

Ich sehe wohl, um mich geht Manches vor,

Das mich betrifft, und nah vielleicht und nächst,

Doch fass’ ichs nicht und düster ist mein Sinn.

Ich will darüber denken.

Priester

                                         Halt vorerst!!

– Du kannst noch nicht zurück in deine Wohnung! –

Erst harrt noch – ein und anderes Geschäft.

Hero

Geschäft?

Priester

(streng).

                 Geschäft! –

(Gemildert.)

                                    Des neuen Amtes Bürde.

(Mit einer Bewegung als wollte er die Rolle aus dem Busen ziehen, dann aber wieder ablassend.)

Im Tempel ist – vielmehr – Vergaß ichs denn?

Man meldet mir – ein Bote deiner Eltern,

Von ihnen scheidend noch zu uns gesendet,

Sei angelangt am östlich äußern Tor,

Das abschließt unsern heiligen Bezirk.

Allein die Fischer, die am Meere wohnen,

Mißtrauisch jedem Fremden, und vielleicht

Der Störungen schon kundig dieser Nacht,

Sie wehren ihm den Eintritt bis zu uns.

Ich gönne dir die Freude, geh du hin,

Und sprich den Mann und höre was er bringt.

Hero

So muß ich selbst –?

Priester

                                 Treibt dich Verlangen nicht?

Botschaft von deinen Eltern, dann –

Hero

                                                          Ich gehe.

Priester

Du findest wohl den Mann bei jenen Hütten,

Doch wär’ es nicht, und hätt’ er sich entfernt,

So wirst du mir schon weiter wandeln müssen,

Bis du –

Hero

               Es soll geschehn.

Priester

                                           Tritt nur indes

Bei unsers Hauses wackerm Schaffer ein.

Von dort aus sende Diener, die ihn suchen.

Und – einmal da, laß dir den Vorrat zeigen,

Den man dort sammelt für der Göttin Dienst.

Das letzte Fest ließ unsern Tempel nackt.

Es fehlt an Weihrauch, Opfergerste, Linnen;

Kannst du davon mir bringen, dank’ ich dirs.

Hero

Dann aber kehr’ ich heim.

Priester

                                           Gewiß! Wenn du

Der Pilgerruh erst einen Blick gegönnt,

Die dort ganz nah auf schlanken Säulen steht.

Vielleicht birgt unser Mann sich dort zumeist.

Auch haben Waller sich, so heißts versammelt,

Die ferneher zu unserm Tempel ziehn.

Tritt unter sie und sprich ein nützlich Wort.

Den Opfern die sie bringen wohne bei.

Und hast du so dein heilig Amt vollbracht –

Es wäre denn, der Rückweg gönnte Zeit –

Hero

Genug, o Herr! Beinah sagt’ ich: zuviel.

(Einschmeichelnd.)

Gesteh’ ich dirs; ich bliebe lieber hier.

Priester

(ruhig).

Doch muß es sein.

Hero

                               Muß es? Nun so geschehs.

Priester

Nimm nur die neue Freundin mit, Janthen,

Die dir so sehr gefällt. Das kürzt den Weg.

Hero

Hast du doch recht, und also will ich tun.

Janthe komm, und leite mich den Pfad.

Dein froh Gespräch laß uns den Weg verkürzen.

Und werd’ ich müd, so leih mir deinen Arm.

Du aber stille Wohnung lebe wohl!

Eh noch der Abend graut, seh’ ich dich wieder!

Wo bist du? Ah! – Sei heute Hero du

Und denke, sprich für mich. Ein andermal

Bin ich Janthe gern! Und sei nicht grämlich. Hörst du?

(Janthens Nacken umschlingend ab.)

Priester

Zähm’ ich den Grimm in meiner tiefsten Brust?

Kein Zweifel mehr, die Zeichen treffen ein! –

Ein Mann dem Tempel nah, und Hero weiß es.

Und Einer wars von jenen Jünglingen,

Leander und Naukleros hießen sie,

Die, aus Abydos, ich im Haine traf.

Ob aber schon seit lang mit Heuchlerkunst,

Sie mirs verbirgt; ob nun erst, heute, jetzt erst? –

– Naukleros und Leander! Welcher wars?

(Die flachen Hände vor sich hingestreckt.)

In gleichen Schalen wäg’ ich euer Los.

Die Namen beide ähnlichen Gehalts,

Die Zahl der Laute gleich in ein und anderm,

Desselben Anspruchs Jeder auf das Glück:

Indes der Eine doch ein Lebender, Beseelter,

Sein Freund ein Toter ist, schon jetzo tot.

Denn weil sie fern, leg’ ich die Schlingen aus,

Die ihn verderben, kehrt der Kühne wieder.

Unseliger, was strecktest du die Hand

Nach meinem Kind, nach meiner Götter Eigen?

(Nach rückwärts gewendet.)

Ha Alter du noch hier? Laß uns hinauf.

Erforschen jedes Zeichen, das der Tat

Der noch verhüllten, dunkeln Fußtritt zeigt.

Kommt dann die Nacht und siehst du wieder Licht –

Und doch wer weiß, ob wir uns nicht getäuscht?

Ist Zutraun blind, sieht Argwohn leicht zu viel:

Zum mindesten befehl’ ich dir zu zweifeln,

Bis ich dir sage: glaubs! Erschrick nicht, Alter!

Geh nur voran und öffne jene Tür.

(Der Alte geht dem Turme zu.)

Priester

(im Begriff ihm zu folgen).

Fortan sei Ruh! Der Torheit Werk vergeh!

Der Morgen find’ es nicht. Es sei gewesen.

(Mit dem Diener in den Turm ab.)

Kurze Gegend. Rechts im Vorgrunde Leanders Hütte. Daneben ein Baum mit einem Votivbilde.

Naukleros

(kommt und bleibt vor der Hütte stehen, mit dem Fuß auf die Erde stampfend).

Leander, hör! Machst du nicht auf? – Leander!

Bis jetzt hat meine Sorgfalt ihn bewahrt.

Ich ließ ihn gestern Abends in der Hütte

Und heute tat, die Nachbarn sagens,

Sich noch nicht auf die festverschloßne Tür.

Doch gilts zu wachen noch, zu hüten, sorgen.

Was aber zögert er? Es ist schon spät.

Hat allzugroßer Schmerz –? Wie, oder gar?

Vergaß vielleicht den Gram und seine Leiden?

Und träumt nun langgestreckt? Leander! Ho!

Langschläfer, Ohnesorg! Beim Sonnengott!

Machst du nicht auf, so spreng’ ich dir die Tür!

Mit alle dem dünkts mich doch sonderbar.

(Er sieht durch die Spalte.)

Leander tritt links im Hintergrunde auf.

Leander

Huhup!

(Er zieht sich wieder zurück.)

Naukleros

(rasch umgewendet).

Wer da? – Freund oder Feind?

Leander

(vortretend).

                                                 Ha, ha!

Erschreckt?

(Er trägt einen Stab in der Hand und unter dem Arm ein Schleiertuch, dessen eines Ende er während des Folgenden in eine Schleife bindet.)

Naukleros

                    Du selbst? und also spöttisch

Genüber deinem Meister deinem Herrn?

Und dann? – Was dünkt mir denn? – Wie kommst du her?

Verließ ich dich nicht Abends in der Hütte?

Und heute, – sieh, ich weiß, die Nachbarn sagens –

Ging noch nicht auf die wohlverwahrte Tür.

Wo kommst du her? und wie?

(Ergreift mit der Hand hin um Leanders Beschäftigung zu unterbrechen.)

Leander

(zurückziehend).

                                               Mein Stab! Mein Wimpel, ei!

Naukleros

Dein Haar ist feucht, die schweren Kleider kleben.

Du warst im Meer.

Leander

                                Wie bündig schließt der Mann!

(Er geht während des Folgenden nach rückwärts zum Baume und legt Stab und Schleier auf einer Erderhöhung unter dem Götterbilde nieder.)

Naukleros

(ihm zur Seite gehend).

Im Meer! – Weshalb? – Du warst doch nicht? – Leander!

Weißt du? Sie senden Späher aus von Sestos,

An unserm Ufer hat man ihrer schon gesehn.

Wenn nun so weit, bis über Meeresgränze

Ihr Argwohn reicht, um wie viel strenger denkst du

Das Jenseits dir bewacht, uns feind von je?

Der wär’ ein Tor, der irgend es versuchte,

Zu stürzen sich ins aufgespannte Netz.

Dann aber: wie?

Leander

(der wieder zurückgekommen ist, nach rückwärts sprechend).

                           Bewahre mirs, du Gott!

Naukleros

Noch einmal: wie? Du weißt, ich brach das Steuer

Von deinem Kahn, und alle Nachbarn hielten

Auf mein Gesuch die Nachen unterm Schloß.

Wenn nun zu Schiffe nicht, wie sonst? Denn schwimmend,

Leander schwimmend – Kennst du auch den Raum,

Der trennt Abydos’ Strand von Sestos’ Küste?

Kein Lebender kommt lebend drüben an,

Denn hielte auch die Kraft, so starren Klippen,

Die reichen rings, so weit das Ufer reicht,

Kein Ruheplatz, noch Anfurt, keine Stelle,

Die sichre Landung beut.

Leander

                                          Sieh nur! so schroff?

Naukleros

Nun ja, ein Ort ist zwischen scharfen Klippen,

Dort mag ein Glückskind, das ihn nicht verfehlt,

In finstrer Nacht, dort mag dem Land er nahn.

Ein Turm steht da, voreinst zum Schutz gebaut;

Jetzt wohnt die Priesterjungfrau drin, die einst wir

Im Haine sahn. Du wohl seitdem – Leander!

Birg nicht dein Aug! Zu spät! Denn es gestand.

Nun, du warst dort heut Nacht, statt hier zu ruhn,

Fandst glücklich aus den einz’gen Platz der Landung,

Und standst am Turm, den feuchten Blick empor,

Liebäugelnd mit dem Licht in ihrer Kammer.

Sahst ihre Schatten an den Wänden fliehn,

Beglückt, um höhern Preis nicht, als den Tod,

Im Übermaß von so viel Glück zu schwelgen.

Leander

Armseliger!

Naukleros

                   Auch das! Die Schildrung war zu schwach.

Du sahst sie, sprachst mit ihr, fandst Haus und Pforte

Geöffnet, unbewacht, tratst ein –

Leander

(sich in seine Arme werfend).

                                                      Naukleros!

Fühlst du den Kuß? Und weißt du, wer ihn gab?

Naukleros

Laß ab! Dein Kuß ist Tod.

Leander

                                          So furchtsam?

Naukleros feig?

Naukleros

                        Nun ja, ich seh es wohl, wir haben,

Die Plätze haben wir getauscht. Ich furchtsam,

Du kühn; Leander frohen Muts, Naukleros –

Ich werde doch nicht gar noch weinen sollen?

Wohlan, geh in den Tod! Nur Eines,

Ein Einziges versprich mir: Dieses Mal,

Diesmal such mir ihn nicht. Bleib fern von Sestos.

Damit, wenn du nun daliegst bleich und kalt,

Ich mir nicht sagen müsse: Du warsts, du,

Der treulos seine Freundespflicht versäumt,

Ihm selber wies die Todgeschwellten Früchte,

Selbst wob das Netz, das klammernd ihn umfing.

(Ein Knie zur Erde gebeugt.)

Leander!

Leander

               Bist du krank? Was kommt dir an?

Naukleros

Hast du doch recht, und fürder auch kein Wort!

Wer spräch’ auch wohl zum brandend tauben Meer,

Zum lauten Sturm, dem wilden Tier der Wüste,

Das achtlos folgt der angebornen Gier.

Darum kein Wort! Nur, denkst du irgend noch

Der Freundschaft, die uns einst –

Leander

                                                         Naukleros, einst?

Naukleros

Laß das! Es spricht die Tat. Schein’ ich dir irgend

Noch eines kleinen, armen Dienstes wert:

Tu mir die Lieb und öffne jene Tür.

Leander

Wozu?

Naukleros

            Ich bitte dich!

Leander

                                    Der Schlüssel, weißt du,

Liegt unterm Stein.

Naukleros

                                Tus selbst!

Leander

(der die Türe der Hütte geöffnet hat).

                                                 Es ist geschehn.

Naukleros

Wohlan! Und daß ich dankbar mich erweise:

Geh dort hinein!

Leander

                            Ich nicht!

Naukleros

                                             Du sollst! Du mußt!

Der Stärkre war ich stets, der Ältre bin ich,

Und jetzt stählt Sorge dreifach meinen Arm.

(Leander anfassend.)

So fass’ ich dich, so halt’ ich dich, so drück’ ich

Dich an den Grund. Gehorchst du wohl?

Leander

(mitgebrochenen Knieen).

                                                                 Halt ein!

Naukleros

(ihn loslassend).

Armseliger! von Lieb und Wellen matt!

Und nun hinein!

Leander

(zurückweichend).

                             Fürwahr! ich werde nicht!

Naukleros

(ihn anfassend und zurückdrängend).

Du wirst, du sollst, du mußt!

Leander

                                            Laß ab!

Naukleros

                                                         Vergebens!

(Er hat ihn in die Türe gedrängt, die er jetzt rasch an sich zieht.)

Nun zu die Tür!

(Er dreht den Schlüssel.)

Und schwimm du künftig wieder!

Ich will als Schließer selbst dir Nahrung bringen.

Doch daß du nicht entkommst, bin ich dir gut.

Leander

(von innen).

Naukleros!

Naukleros

                 Nein!

Leander

                           Ein Wörtchen nur!

Naukleros

                                                          Nicht eins!

Leander

Doch wenn mein Heil, mein Leben dran geknüpft,

Daß du mich hörst?

Naukleros

                                     Was also wär’ es denn?

Leander

Nur eine Spanne weit mach auf die Tür!

Mein Dasein ist bedroht, wenn dus verweigerst.

Naukleros

Nun, Handbreit öffn ich denn.

(Zurückprallend.)

                                                  Ha, was ist das?

(Leander stürzt aus der Hütte, das Haupt mit einem Helme bedeckt, den Schild am Arme, ein bloßes Schwert in der Hand.)

Leander

Komm an! komm an! Warum nicht hältst du mich?

Noch ist mir meines Vaters Helm und Schwert,

Und Tod dräut Jedem, der sich widersetzt.

Tor, der du bist! und denkst du den zu halten,

Den alle Götter schützen, leitet ihre Macht?

Was mir bestimmt, ich wills, ich werds erfüllen:

Kein Sterblicher hält Götterwalten auf.

Ihr aber, die ihr rettend mich beschirmt

Durch Wellennacht:

(Er kniet.)

                                 Poseidon, mächt’ger Gott!

Der du die Wasser legtest an die Zügel,

Den Tod mir scheuchtest von dem feuchten Mund.

Zeus, mächtig über Allen, hehr und groß!

Und Liebesgöttin, du, die mich berief,

Den kundlos Neuen, lernend zu belehren

Die Unberichteten was dein Gebot.

Steht ihr mir bei und leitet wie bisher!

(Aufstehend und Schild und Schwert von sich werfend, den Helm noch immer auf dem Haupte.)

Drum keine Waffen! Euer Schutz genügt.

Mit ihm geharnischt, wie mit ehrner Wehr,

Stürz’ ich mich kühn in Mitte der Gefahren.

(Schnell den Stab mit dem Schleiertuche aufnehmend und die geknüpfte Schleife an die Spitze des Stabes befestigend, indes das andere Ende mit der Hand daran festhält.)

Und dieses Tuch, geraubt von heil’ger Stelle,

Schwing’ ich als Wimpel in vermeßner Hand.

Es weist den Weg mir durch die Wasserwüste,

Und läßt ein Gott erreichen mich die Küste,

Pflanz’ ich, ein Sieger, es auf den erstiegnen Strand.

Erlieg’ ich, seis durch Euch! und also fort!

(Das Tuch flaggenartig schwingend.)

Amor und Hymen, ziehet ihr voran,

Ich komm’, ich folg’, und wäre Tod der Dritte!

(Er eilt fort.)

Naukleros

Er ist von Sinnen! Hörst du nicht? Leander

(Die Waffen aufnehmend.)

Noch geb’ ich ihn nicht auf. Die Freunde samml’ ich.

Wir halten ihn, und wär’ es mit Gewalt.

Dort schleicht ein Mann, gehüllt in dunkeln Mantel,

Ein Späher jenes Tempels schon vielleicht.

Ich meid’ ihn, folge Jenem. O mein Freund!

(Er zieht sich ausweichend nach der entgegengesetzten Seite zurück.)

Platz vor Heros Turm wie zu Anfang dieses Aufzuges.
Hero kommt, die Hand auf Janthens Schulter gelegt. Diener mit Gefäßen folgen.

Hero

Tragt die Gefäße nur hinauf zu meinem Ohm!

Sagt ihm! Ihr wißt ja selbst. – Ich bleibe hier.

(Sie setzt sich.)

War dieser Mann doch, meiner Eltern Bote,

Wie Hoffnung, wie das Glück. Man suchts, es flieht,

Und läßt uns so zurück.

Janthe

                                       Du gingst so rasch.

Hero

Nun, ich bin wieder da.

Janthe

                                       Willst du nicht lieber

Hinauf in dein Gemach?

Hero

                                        Nein, nein, nur hier.

Ists noch nicht Abend?

Janthe

                                     Kaum.

Hero

(den Kopf in die Hand gestützt).

                                                Nu, nu! Ei nu!

Der Tempelhüter kommt von der linken Seite.

Tempelhüter

So bist du hier? Wir harrten deiner längst.

Hero

Längst also, längst? Ich glaub’ ihr spottet mein!

Ging ich nicht unverweilt, den Boten suchend,

Der ewig mir entschwand, jetzt hier nun dort.

Mit Absicht tatet ihrs. Weiß ich warum?

Tempelhüter

Der Bote kam auf andern Wegen her,

Du warst kaum fort. Er ist bei deinem Ohm.

Hero

Und ihr ließt unberichtet mich? Doch immer!

Ein andermal will ich wohl klüger sein.

Tempelhüter

Dein Oheim harrt im Tempel.

Hero

                                                 So?

Er wird noch harren, denn ich bleibe hier.

Tempelhüter

Doch er befahl –

Hero

                            Befahl er dir, so tus!

Ich denke künftig selbst mir zu gebieten.

Geh nur!

(Zu Janthen.)

                Du immer auch.

Janthe

                                            Befiehlst du irgend sonst?

Hero

Ich nicht. Und doch! wenns selber dir gefällt.

Geh nur hinauf, bereite mir die Lampe,

Gieß Öl noch zu, genug für viele Zeit.

Und kommt die Nacht. – Allein das tu’ ich selbst.

(Die Beiden gehen.)

Und kommt die Nacht – Sie bricht ja wirklich ein.

Da ist mein Turm, dort flüstern leise Wellen;

Und gestern war er da, und heut versprach er.

Wars gestern auch? Mich deucht es wär’ so lang.

Mein Haupt ist schwer, die wirren Bilder schwimmen.

Des Tages Glut, die Sorge jener Nacht,

Die keine Nacht, ein Tag in Angst und Wachen –

Das liegt wie Blei auf meinem trüben Sinn.

Und doch ein lichter Punkt in all dem Dunkel:

Er kommt. Gewiß? Nur noch dies Eine Mal! –

Dann bleibt er fern. – Wer weiß? Auf lange Zeit.

Und spät erst, spät – Ich muß nur wachsam sein!

(Den Kopf in die Hand lehnend.)

Der Priester kommt mit dem Tempelhüter.

Priester

So kommt sie nicht?

(Der Tempelhüter zeigt schweigend auf die Ruhende.)

Priester

(zu ihr tretend).

                                Hero!

Hero

(aufschreckend).

                                           Bist dus, mein Freund?

Priester

Ich bins, und bin dein Freund.

Hero

(aufstehend).

                                                Sei mir gegrüßt!

Priester

Der Bote deiner Eltern weißt du wohl –

Hero

Ich weiß.

Priester

               Er brachte Briefe mit, sie liegen

In deinem Turmgemach. Holst du sie nicht?

Hero

Auf Morgen les ich sie.

Priester

                                       Nicht heut?

Hero

                                                          Nicht jetzt.

Priester

Zu wissen wie sie leben, reizt dich nicht?

Hero

Nur kurz ists, daß sie schieden, sie sind wohl.

Priester

Bist du so sicher des?

Hero

                                  Ich bin es, Herr!

Aufs Zeugnis einer seligen Empfindung,

Die mich durchströmt, mein Wesen still verklärt,

Daß Alle, die mir teuer, froh und wohl.

Priester

Wie oft täuscht ein Gefühl!

Hero

                                            Was täuschte nie?

Bleibt mir die Wahl, wähl’ ich die süßre Täuschung.

Priester

Wo ist Janthe?

Hero

                        Eben ging sie hin.

Priester

Nach den Ereignissen der letzten Zeit,

Kann sie nicht weilen mehr in unserm Hause.

Hero

Ich sagte dir, du tust dem Mädchen Unrecht.

Priester

Doch wie erweisest dus?

Hero

                                        Ich glaub es so.

Priester

Auf ein Gefühl auch?

Hero

                                   Auch auf ein Gefühl.

Priester

Doch ich will Klarheit, und Janthe scheide.

Hero

Verzeih! Du weißt, das kann nicht ohne mich,

Die Mädchen sind der Priesterin befohlen,

Und meine Rechte kenn’ ich so wie meine –

Ich kenne, Herr, mein Recht.

Priester

                                               Wie meine Pflichten;

Du wolltest sagen so.

Hero

                                   Ich wollte, Herr

Und sag’ es jetzt: auch meine Pflichten kenn’ ich,

Wenn Pflicht das alles, was ein ruhig Herz,

Im Einklang mit sich selbst und mit der Welt,

Dem Recht genüber stellt der andern Menschen.

Priester

Dem Recht der Götter nicht?

Hero

                                               Laß uns nicht klügeln!

Gib deinem Bruder und dir selbst sein Teil:

Die Götter sind zu hoch für unsre Rechte.

Priester

Du bist gereift.

Hero

                         Nun, Herr, die Sonne scheint,

Und auch der Mond läßt wachsen Gras und Kraut.

Priester

Da du so streng ob deinen Rechten hältst,

So muß ich bitten dich, mir zu verzeihn,

Daß ich erbrochen deiner Mutter Schreiben.

Hero

Was mein ist, ist auch dein.

Priester

                                            Ich wollte wohl,

Du läsest diesen Brief, ob einer Warnung

Die er enthält.

Hero

                        Gewiß, ich werde: Morgen.

Priester

Nein, heut. Wärs nicht zu viel, ich bäte dich,

Ihn jetzt zu holen, gleich.

Hero

                                          Du quälst mich, Ohm.

Allein damit du siehst – Ists noch nicht Abend?

Priester

Beinah.

Hero

              Ich hole denn das Schreiben,

(Mit verbindlichem Ausdruck.)

Damit du siehst, wie sehr ich dir zu Dienst.

(Ab in den Turm.)

Priester

Mein Innerstes bewegt sich, schau ich sie.

So still, so klug, so Ebenmaß in Jedem;

Und immer deucht es mir, ich müßt’ ihr sagen:

Blick auf! Das Unheil gähnt, ein Abgrund neben dir!

Und doch ist sie zu sicher und zu fest.

Gönn’ ich ihr Zeit, und taucht ihr heller Sinn

Auf aus den Fluten, die ihn jetzt umnachten,

Denkt sie auf Mittel nur ihn zu erretten,

Entzieht den Strafbarn unsrer Schlingen Haft,

Und ist so mehr und sichrer denn verloren.

Zwar, muß sie schuldig sein? Wenn ein Verwegner

Das Unerlaubte tollkühn unternahm –

Seis auch, daß sie berührt nach Jugendart –

Muß im Verständnis sie ihm selbst die Zeichen,

Die Mittel selbst ihm bieten seiner Tat?

(Im Turme erscheint die Lampe.)

Was dort? Die Lampe strahlt. Unselig Mädchen!

Sie leuchtet deiner Strafe, deiner Schuld.

Der Tempelhüter kommt.

Tempelhüter

Siehst du das Licht?

Priester

                                 Ich sehs. Sprachst du die Fischer?

Tempelhüter

Ja Herr. Sie rudern nicht, wie du befahlst,

Heut Nacht ins Meer, das hoch geht ohnehin.

Priester

So besser denn! Du folge nun! Sie kommt.

(Sie ziehen sich zurück.)

Hero

(kommt zurück mit einer Rolle).

Hier ist dein Brief. Nimmst du ihn nicht? – Ei ja! –

Wo ging er mir nur hin? – Er kommt wohl wieder.

(Sie steckt den Brief in den Gürtel.)

Wie schön du brennst, o Lampe, meine Freundin!

Noch ists nicht Nacht, und doch geht alles Licht,

Das rings umher die laute Welt erleuchtet,

Von dir aus, dir, du Sonne meiner Nacht.

Wie an der Mutter Brust hängt alles Wesen

An deinem Umkreis, saugend deinen Strahl.

Hier will ich sitzen, will dein Licht bewahren,

Daß es der Wind nicht neidisch mir verlöscht.

Hier ist es kühl, im Turme schwül und schläfrig,

Die dumpfe Luft drückt dort die Augen zu.

Das aber soll nicht sein, es gilt zu wachen.

(Sie sitzt.)

Sie haben mich geplagt den langen Tag

Mit Kommen und mit Gehn. Nicht absichtslos!

Allein weshalb? warum? Ich weiß es nicht.

(Den Kopf in die Hand gesenkt.)

Doch immerhin! Drückt erst nicht mehr die Stirn,

Erkenn’ ichs wohl. Und dann – soll auch – wenn nur –

(Emporfahrend.)

Was ist? Wer kommt? – Ich bin allein. Der Wind nur

Weht schärfer von der See. – So besser denn,

Treibst du den Holden früher ans Gestade.

Die Lampe brennt noch hell. Pfui, wer wird träumen?

Hellauf und frisch! Der Liebe süße Wacht.

(Den Kopf wieder in die Hand gestützt.)

Genau besehn, wollt’ ich, er käme nicht.

Ihr Argwohn ist geweckt, sie lauern, spähn.

Wenn sie ihn träfen – Mitleidsvolle Götter!

Drum wär’ es besser wohl, er käme nicht.

Allein er wünscht’s, er flehte, bat. Er wills.

Komm immer denn, du guter Jüngling, komm!

Ich will dich hüten, wie der Jungen Schar

Die Glucke schützt, und Niemand soll dir nahn,

Niemand, als ich allein; und nicht zu schäd’gen;

Bewahr! bewahr! – Ich bin doch müd.

Es schmerzt der Fuß. Löst Niemand mir die Schuh?

(Sie zieht einen Fuß auf die Ruhebank.)

Hier drückt es, hier. Hat mich ein Stein verletzt?

(Auch den zweiten Fuß an sich ziehend, in halbliegender Stellung.)

Wie süß, wie wohl! – Komm Wind der Nacht

Und kühle mir das Aug, die heißen Wangen!

Kommst du doch übers Meer, von ihm.

Und, o, dein Rauschen und der Blätter Lispeln,

Wie Worte klingt es mir: von ihm mir, ihm, von ihm.

Breit aus die Schwingen, hülle sie um mich,

Um Stirn und Haupt, den Hals, die müden Arme,

Umfaß, umfang! Ich öffne dir die Brust. –

Und kommt er, sag es an! – Leander – du? –

Pause.
Der Tempelhüter kommt lauschend auf den Zehen. Dann tritt der Priester auf.

Tempelhüter

(sich der Ruhebank nähernd, mit gedämpfter Stimme).

Hero! – Sie schläft. –

Priester

                                   Vom Turme strahlt das Licht.

Der Götter Sturm verlösche deine Flamme!

(Er geht in den Turm.)

Tempelhüter

Was sinnt er nur? Mir wird so bang und schwer.

Wenn ich nicht sprach; und doch, wie konnt’ ich anders?

Dort gehen Männer mit des Fischzugs Netzen.

(Sich der rechten Seite nähernd.)

Was schafft ihr dort? Ward euch denn nicht geboten,

Zu bleiben heute Nacht dem Meere fern

In eurer Hütten festverschloßnen Räumen?

(Zurückkommend.)

Sie meinen, es gibt Sturm. Nun, Götter, waltet!

(Zum Turm emporblickend.)

Die Lampe wird bewegt. Er selbst! – Unselig Mädchen!

Erwacht sie? Nein. So warnet dich kein Traum?

(Die Lampe erlöscht. Hero macht eine Bewegung und sinkt dann tiefer in Schlaf. Das Haupt gleitet aus der unterstützenden Hand und ruht auf dem Oberarm, indes der untere Teil schlaff hinabhängt. Es ist dunkel geworden.)

Tempelhüter

Mich schaudert. Weh! Hätt’ ich mein Oberkleid!

Der Priester kommt zurück.

Priester

Wer spricht? Bist dus? – Komm mit, es sinkt die Nacht,

Und brütet über ungeschehnen Dingen.

Nun, Himmlische, nun waltet eures Amts!

Die Schuldigen hält Meer und Schlaf gebunden,

Und so ist eures Priesters Werk vollbracht:

Das Holz geschichtet und das Beil gezückt,

Wend’ ich mich ab. Trefft Götter selbst das Opfer!

(Indem er sich zum Fortgehen wendet)

fällt der Vorhang.

Fünfter Aufzug

Platz vor Heros Turm, wie zum Schluß des vorigen Aufzuges.
Es ist Morgen.
Beim Aufziehen des Vorhanges steht Hero in der Mitte der Bühne, den herabgesunkenen Kopf in die Hand gestützt, vor sich hinstarrend. Janthe kommt.

Janthe

Stehst du noch immer da, gleich unbewegt,

Und starrst auf Einen Punkt? Komm mit ins Wäldchen!

Die Luft hat ausgetobt, die See geht ruhig.

Doch hörtest du den Aufruhr heute Nacht?

Hero

Ob ich gehört?

Janthe

                         Du warst so lang hier außen.

Zwar endlich hört’ ich Tritte über mir.

Doch leuchtete kein Licht aus deiner Kammer.

Hero

Kein Licht! Kein Licht!

Janthe

                                       Dich martert ein Geheimnis.

Wenn dus vertrautest, leichter trügest dus.

Hero

Errietst dus etwa schon und frägst mich doch?

Ich sollte wachen hier, doch schlief ich ein.

Es war schon Nacht, da weckte mich der Sturm.

Schwarz hing es um mich her; verlöscht die Lampe.

Mit losgrißnem Haar, vom Wind durchweht,

Flog ich hinan. Kein Licht! nicht Trost und Hilfe,

Lautjammernd, auf den Knien fand mich der Tag. –

Und doch, und dennoch!

Janthe

                                          Arme Freundin!

Hero

                                                                    Arm?

Und dennoch! Sieh! die Götter sind so gut!

Ich schlief kaum ein, da löschten sie das Licht.

Beim ersten Strahl des Tags hab’ ichs besehn,

Mit heißem, trocknen Aug durchforscht die Lampe:

Kein Hundertteil des Öles war verbrannt,

Der Docht nur kaum geschwärzt. Klar war es, klar:

Kaum schlief ich ein, verlöschte schon das Licht.

Die Götter sind so gut! Geschah es später,

(Von ihr wegtretend, vor sich hin.)

So gab der Freund sich hin dem wilden Meer,

Der Sturm ereilte ihn, und er war tot.

So aber blieb er heim, gelockt von keinem Zeichen,

Und ist gerettet, lebt.

Janthe

                                    Du scheinst so sicher.

Hero

Ich bin es, denn ich bin. Die Götter sind so gut!

Und was wir fehlten, ob wir uns versehn,

Sie löschen es mit feuchtem Finger aus,

Und wehren dem Verderben seine Freude.

Ich aber will so jetzt, als künft’ge Zeit

Auch ihnen kindlich dankbar sein dafür;

Und Manches was nicht recht vielleicht und gut

Und ihnen nicht genehm, es sei verbessert;

Zum mindesten entschieden, denn die Götter,

Sie sind dem Festen, dem Entschiednen hold.

Nun aber, Mädchen, tritt dort an die Anfurt.

Sieh, ob dein Aug die Küste mir erreicht,

Das sel’ge Jenseits, wo – Schau gen Abydos!

Ich habs aus meinem Turm nur erst versucht,

Doch lagen Nebel drauf. Nun ists wohl hell.

Willst du?

(Sie setzt sich.)

Janthe

(nach dem Hintergrunde gehend).

                Doch sieh! es brach der Sturm den Strauch,

Der dort am Fuße wächst des Turms, und, liegend,

Verwehren seine Zweige mir den Tritt.

Hero

Erheb die Zweige nur! Bist du so träg?

Janthe

Noch Tropfen hängen dran.

(Mit dem Fuße am Boden hinstreifend.)

                                             Auch Tang und Meergras

Warf aus die See. – Ei, Muscheln, buntes Spielzeug!

Es pflegt der Sturm die Trümmer seines Zorns

Hierher zu streun. – Das Ende eines Tuchs.

Es ist so schwer. Ein Lastendes von rückwärts

Hält es am Boden fest. – Fürwahr ein Schleier!

Fast gleicht es jenen, die du selber trägst,

Zu Schleifen eingebunden beide Enden,

Nach Wimpelart. Sieh zu! vielleicht erkennst dus.

Doch ist es feucht, sonst würf ich dirs als Ball.

Hero

Laß das Getändel, laß! Erheb die Zweige.

Janthe

Sie sind so naß. O weh, mein gutes Kleid!

Nun, denk’ ich, halt’ ich sie. Ei ja! sie weichen.

Tritt selber nur herzu! Ich halte. Schau!

(Sie hat die auf den Boden herabhängenden Zweige zusammengefaßt und emporgehoben. Leander liegt tot auf der Anfurt.)

Hero

(aufstehend).

Ich komme denn! – Ein Mann! – Leander! – Weh!

(Nach vorn zurückeilend.)

Betrogne und Betrüger, meine Augen!

Ists wirklich? wahr?

Janthe

(die mit Mühe über die Zweige nach rückwärts geblickt).

                                  O mitleidsvolle Götter!

Der Priester kommt von der rechten Seite.

Priester

Welch Jammerlaut tönt durch die stille Luft?

Hero

(zu Janthen).

Laß los die Zweige, laß!

(Janthe läßt die Zweige fallen, die Leiche ist bedeckt.)

Hero

(dem Priester entgegen, und bemüht ihm die Aussicht nach rückwärts zu benehmen).

                                     Mein Oheim, du? –

So früh im Freien? – Doch der Tag ist schön.

Wir wollten eben Beide – Freudig – froh! –

(Sie sinkt ohne Besinnung zu Boden.)

Priester

Was war? Was ist geschehn?

Janthe

(mit gerungenen Händen nach dem Strauche zeigend).

                                              O Herr! mein Herr!

Priester

Erheb die Zweige! Schnell!

(Es geschieht.)

                                           Gerechte Götter!

Ihr nahmt ihn an. Er fiel von Eurer Hand!

Janthe

(noch immer die Zweige haltend).

Erbarmt sich Niemand? Nirgends Beistand, Hilfe?

Priester

Laß das und komm!

(Indem er sie anfaßt.)

                                Hörst du? und schweig! Entfällt

Ein einzig Wort von dem was du vernahmst –

(Sich von ihr entfernend, laut.)

Ein Fremder ist der Mann, ein Unbekannter,

Den aus das Meer an diese Küste warf,

Und jene Priestrin sank bei seiner Leiche,

Weil es ein Mensch, und weil ein Mensch erblich.

Der Tempelhüter und mehrere Diener sind von der rechten Seite gekommen.

Priester

Am Strande liegt ein Toter. Geht, erhebt ihn!

Daß seine Freunde kommen und ihn sehn.

(Diener gehen auf den Strauch zu.)

Nicht hier. Den Turm herum. Rechts an der Anfurt.

(Diener auf der linken Seite ab. In der Folge sieht man durch die Blätter Anzeichen ihrer Beschäftigung. Endlich wird der Strauch emporgehoben und befestigt, wo dann der Platz leer erscheint.)

Tempelhüter

(leise).

So ists denn –?

Priester

                        Schweig!

Tempelhüter

                                    Nur, Herr, um dir zu melden:

Der Ältre jener beiden Jünglinge,

Die du wohl kennst; wir fanden ihn am Strand,

Trostlosen Jammers, suchend seinen Freund.

Die Diener halten ihn.

Priester

                                      Führt ihn herbei.

Hat er die Freiheit gleich verwirkt, und mehr,

Seis ihm erlassen, bringt er Jenen heim.

(Tempelhüter nach der rechten Seite ab.)

Priester

(zu Hero, die sich mit Janthens Hilfe aufgerichtet und einige Schritte nach vorn gemacht hat).

Hero!

Hero

           Wer ruft?

Priester

                           Ich bins. Du höre mich!

Hero

(scheu nach rückwärts blickend, zu Janthe).

Wo ist er hin? Janthe, wo?

Janthe

                                           O mir!

Priester

Da’s nun geschehn.

Hero

                                Geschehen? Nein!

Priester

                                                             Es ist!

Die Götter laut das blut’ge Zeugnis gaben,

Wie sehr sie zürnen, und wie groß dein Fehl;

So laß in Demut uns die Strafe nehmen;

Das Heiligtum, es teile nicht die Makel,

Und ew’ges Schweigen decke was geschehn.

Hero

Verschweigen ich, mein Glück und mein Verderben,

Und frevelnd unter Frevlern mich ergehn?

Ausschreien will ichs durch die weite Welt,

Was ich erlitt, was ich besaß, verloren,

Was mir geschehn, und wie sie mich betrübt.

Verwünschen dich, daß es die Winde hören

Und hin es tragen vor der Götter Thron.

Du warsts, du legtest tückisch ihm das Netz,

Ich zog es zu, und da war er verloren.

Wo brachtet ihr ihn hin? ich will zu ihm!

Der Tempelhüter und mehrere Diener führen Naukleros herbei. Der Hüter geht gleich darauf nach der linken Seite ab.

Hero

Ha du! o Jüngling! Suchst du deinen Freund?

Dort lag er, tot! Sie tragen ihn von dannen.

Naukleros

O Schmerz!

Hero

                    Ringst du die Hände, da’s zu spät?

Du staunst? Du klagst? Ja, läss’ger Freund!

Er gab sich hin dem wildbewegten Meer,

Beschützt von keinem Helfer, keinem Gott,

Und tot fand ich ihn dort am Strande liegen.

Und fragst du wers getan? Sieh! dieser hier,

Und ich, die Priesterin, die Jungfrau – So? –

Menanders Hero, ich, wir Beide tatens.

Mit schlauen Künsten ließ er mich nicht ruhn,

Versagte mir Besinnen und Erholung;

Ich aber trat in Bund mit ihm und schlief.

Da kam der Sturm, die Lampe löscht’ er aus,

Das Meer erregt’ er wild in seinen Tiefen,

Da Jener schwamm, von keinem Licht geleitet.

Die schwarzen Wolken hingen in die See,

Das Meer erklomm, des Schadens froh, die Wolken,

Die Sterne löschten aus, ringsum die Nacht.

Und Jener dort, der Schwimmer sel’ger Liebe

Nicht Liebe fand er, Mitleid nicht im All.

Die Hände streckt’ er zu den Göttern aus,

Umsonst! Sie hörten nicht, wie? oder schliefen?

Da sank er, sank. Noch einmal ob den Wogen,

Und noch einmal, so stark war seine Glut.

Doch allzumächtig gegen ihn der Bund

Von Feind und Freund, von Hassern und Geliebten.

Das Meer tat auf den Schlund, da war er tot.

O ich will weinen, weinen, mir die Adern öffnen,

Bis Tränen mich und Blut, ein Meer, umgeben;

So tief wie seins, so grauenhaft wie seins,

So tödlich wie das Meer, das ihn verschlungen.

Naukleros

Leander, o, mein mildgesinnter Freund!

Hero

Sag: er war Alles! Was noch übrig blieb,

Es sind nur Schatten; es zerfällt; ein Nichts.

Sein Atem war die Luft, sein Aug die Sonne,

Sein Leib die Kraft der sprossenden Natur,

Sein Leben war das Leben, deines, meins,

Des Weltalls Leben. Als wirs ließen sterben,

Da starben wir mit ihm. Komm, läss’ger Freund,

Komm, laß uns gehn mit unsrer eignen Leiche.

Du hast zwei Kleider und dein Freund hat keins,

Gib mir dein Kleid, wir wollen ihn bestatten.

(Naukleros nimmt seinen Überwurf ab, Janthe empfängt ihn.)

Nur einmal noch berühren seinen Leib,

Den edlen Leib, so voll von warmem Leben.

Von seinem Munde saugen Rat und Trost.

Dann – Ja, was dann? – Zu ihm!

(Zum Tempelhüter, der zurückgekommen ist.)

                                                    Verweigerst dus?

Ich will zu meinem Freund! Wer hinderts? du?

(Sie macht eine heftige Bewegung, dann sinken Haupt und Arme kraftlos herab. Janthe will ihr beistehn.)

Laß mich! Der Mord ist stark. Und ich hab’ ihn getötet.

(Ab nach der linken Seite.)

Priester

(zu Janthen).

Folg ihr!

(Janthe geht.)

Priester

(zu Naukleros).

               Du bleib! Dein Leben ist verwirkt,

Doch schenk’ ich dirs, bringst heim du jenen Toten

Und schweigst dein lebenlang. Kamst du allein?

Naukleros

Mir folgten Freunde von der Küste jenseits.

Priester

Halt sie bereit. – Wo brachtet ihr ihn hin?

Tempelhüter

Zum Tempel, Herr.

Priester

                                 Warum zum Tempel? sprich!

Tempelhüter

So wills der Brauch.

Priester

                                 Wills so der Brauch, wohlan!

Die Bräuche muß man halten, sie sind gut.

Und nun zu ihr! Entfernt die Störung erst,

Legt mild die Zeit den Balsam auf die Wunde.

Ja, dies Gefühl, im ersten Keim erstickt,

Bewahrt vor jedem zweiten die Verlockte,

Und heilig fürderhin – Komm mit! Ihr folgt!

(Alle ab.)

Das Innere des Tempels. Der Mittelgrund durch einen zur Erde herabhängenden Vorhang geschlossen. Auf der rechten Seite des Vorgrundes eine Bildsäule Amors, an deren Arm ein Blumenkranz hängt.
Mädchen kommen mit Zurechtstellen von Opfergefäßen und Abnehmen von Blumengewinden beschäftigt. Zwei davon nähern sich dem Vorhange.
Janthe kommt.

Janthe

O laßt sie, laßt! Gönnt ihr die kurze Ruh!

Wie mag sie trauern um den Teuern, Guten.

Sie fand den Ort wo man ihn hingebracht

Blindfühlend aus, von Niemanden belehrt,

Und stürzte auf die Knie und weinte laut,

Mit ihres Atems Wehn, mit ihren Tränen

Zum Leben ihn zu rufen ohne Frucht bemüht.

Doch als er des nicht achtet, weil er tot,

Da warf sie sich auf den Erblaßten hin,

Die teure Brust mit ihrer Brust bedeckend,

Den Mund auf seinem Mund, die Hand in ihrer.

Seitdem nun ist ihr Klagelaut verstummt,

Doch, fürcht’ ich, sammelt sie nur neue Kraft

Zu tieferm Jammer. – Nun, ich will auch nimmer

Ein Lieb mir wünschen, weder jetzt, noch sonst:

Besitzen ist wohl schön, allein verlieren!

Der Priester kommt mit dem Tempelhüter und Naukleros, dem mehrere Freunde folgen, von der rechten Seite.

Priester

Wo ist sie?

Janthe

                  Dort!

Priester

                            Zieht auf den Vorhang!

Janthe

                                                                  Herr –!

Priester

Auf! sag’ ich, auf Und haltet fern das Volk!

Der Vorhang wird aufgezogen, die Cella erscheint, zu der viele breite Stufen emporführen. Leander liegt querüber auf einem niedern Tragbette. Hero in einiger Entfernung auf den Stufen, halbliegend auf den rechten Arm gestützt, wie neugierig nach dem Toten hinblickend.

Priester

Hero!

Hero

           Wer ruft?

Priester

                            Ich bins. Komm hier!

Hero

                                                                Warum?

(Sie steht auf und tritt zu Füßen der Tragbahre, den Toten immer fort betrachtend.)

Priester

Genug ward nun geklagt ob jenem Fremden!

Was schaffst du dort?

Hero

                                  Ich sinne, Herr!

Priester

                                                            Du sinnst?

Hero

Was nur das Leben sei?

Er war so jugendlich, so schön,

So überströmend von des Daseins Fülle,

Nun liegt er kalt und tot. Ich habs versucht,

Ich legte seine Hand an meine Brust,

Da fühlt’ ich Kälte strömen bis zum Sitz des Lebens;

Im starren Auge glühte keine Sehe.

Mich schaudert. Weh!

Priester

                                   Mein starkes, wackres Mädchen.

So wieder du mein Kind!

(Zu Naukleros.)

                                         Du tritt hinzu!

Erkennst du deinen Freund?

Naukleros

                                             Er ists, er wars.

Priester

Nun komm!

Hero

                    Warum?

Priester

                                    Sie tragen ihn nun fort.

Hero

Schon jetzt?

Priester

                    So ists.

Hero

                                 Wohin?

Priester

                                                Nach seiner Heimat.

Hero

Gebt einen Mantel mir!

Priester

                                       Wozu?

Hero

                                                    Ihm folgen.

Ist er gleich tot, so war er doch mein Freund.

Am Strande will ich wohnen wo er ruht.

Priester

Unmöglich! Du bleibst hier!

Hero

                                              Hier?

Priester

                                                          Priestrin, hier.

Hero

So laßt an unserm Ufer ihn begraben,

Wo er erblich, wo er, ein Toter, lag,

Am Fuße meines Turms. Und Rosen sollen

Und weiße Lilien, vom Tau befeuchtet,

Aufsprossen wo er liegt.

Priester

                                        Auch dieses nicht.

Hero

Wie? Nicht?

Priester

                    Es darf nicht sein.

Hero

                                                 Es darf nicht?

Priester

(stark).

                                                                        Nein.

Hero

Nun denn, ich hab’ gelernt Gewaltigem mich fügen!

Die Götter wolltens nicht, da rächten sies.

Nehmt ihn denn hin. Leb wohl, du schöner Jüngling!

Ich möchte gern noch fassen deine Rechte,

Doch wag’ ichs nicht, du bist so eiseskalt.

Als Zeichen nur, als Pfand beim letzten Scheiden

Nimm diesen Kranz, den Gürtel lös’ ich ab,

Und leg’ ihn dir ins Grab. Du schönes Bild,

All was ich war, was ich besaß, du hast es,

Nimm auch das Zeichen, da das Wesen dein.

Und so geschmückt, leb wohl!

(Einige nähern sich der Leiche.)

                                                Und dennoch, halt!

Seid ihr so rasch? – Und dennoch, dennoch, nicht!

(Zur Bahre tretend.)

Nie wieder dich zu sehn, im Leben nie!

Der du einhergingst im Gewand der Nacht

Und Licht mir strahltest in die dunkle Seele,

Aufblühen machtest all was hold und gut;

Du fort von hier an einsam dunkeln Ort,

Und nimmer sieht mein lechzend Aug dich wieder.

Der Tag wird kommen und die stille Nacht,

Der Lenz, der Herbst, des langen Sommers Freuden,

Du aber nie. Leander, hörst du? nie!

Nie, nimmer, nimmer, nie!

(Sich an der Bahre niederwerfend und das Haupt in die Kissen verbergend.)

Naukleros

Hab Mitleid, Herr!

Priester

                                 Ich habe Mitleid,

Deshalb errett’ ich sie.

(Zu Hero tretend.)

                                      Es ist genug.

Hero

(mit Beistand sich aufrichtend).

                                                           Genug?

Meinst du? genug! – Was aber soll ich tun?

Er bleibt nicht hier, ich soll nicht mit.

Ich will mit meiner Göttin mich beraten.

Janthe, leite mich zu ihrem Thron.

So lang berührt ihn nicht.

(Zu Naukleros.)

                                           Versprich es mir!

Gib mir die Hand darauf. – Ha, zuckst du? Gelt!

Das tat mir der, dein Freund! – Du bist so warm.

Wie wohl, wie gut! – Zu leben ist doch süß! –

Nun aber laß! – Wer wärmt mir meine Hand?

Janthe komm! – Doch erst zieh mir den Schleier

Hinweg vom Aug!

Janthe

                              Kein Schleier deckt dein Haupt.

Hero

Ja so! – Komm denn! – Und ihr berührt ihn nicht!

Janthe

(die Heron angefaßt hat, zum Priester).

O Herr, der Frost des Todes ist mit ihr!

Priester

Ob Tod, ob Leben, weiß der Arzt allein.

Janthe

(Heron leitend).

Sieh hier! – Heb nur den Fuß! – Du wankst. Nur hier!

(Hero besteigt von Janthen geführt, die Stufen. Ein langer Zug von Jungfrauen hinter ihr, sich in einer herablaufenden Reihe auf der rechten Seite aufstellend, die übrigen treten unten auf die linke Seite, so daß die Tragbahre von ihnen verdeckt wird.)

Priester

(halblaut).

Ihr bringt indes ihn fort.

Naukleros

                                         Bedenk!

Priester

                                                       Es muß!

Kehrt sie zurück, sei jede Spur verschwunden.

Dein Leben gilts.

Naukleros

                            Wohlan!

(Seine Begleiter gehen von hinten herum und fassen die Tragbahre.)

Hero

(die von Janthen unterstützt, bereits die obern Stufen erstiegen, ruft in demselben Augenblicke, das Gesicht noch immer gegen die Cella gekehrt).

                                           Leander!

(Rasch umgewendet, Haupt und Arme in die Luft geworfen, auf den Fußspitzen stehend.)

Leander!

Janthe

(sie umfassend zu den Trägern).

Halt!

Priester

            Nur fort!

Janthe

                           Sie gleitet, sinkt!

Setzt ab! in Doppelschlägen pocht ihr Herz!

Priester

Des Herzens Schlag ist Leben, Doppelschlag

Verdoppelt Leben denn. Ihr tragt ihn fort!

Der ist kein Arzt, der Krankendrohung scheut.

(Man hat die Leiche zur Pforte hinausgetragen. Der Priester folgt.)

Janthe

Ist hier nicht Hilfe, Rettung? Sie vergeht.

(Janthe neben Hero hoch auf den Stufen knieend, den Trägern nach sehend.)

Schon nimmt sie auf die Wölbung. Die sein warten,

Von Jenseits kommen sie. Gedränge, Fackelglanz.

Die äußre Pforte tut sich auf. Weh uns

Sie donnert zu. Der Gang hüllt sich in Dunkel.

Sie haben, halten ihn. Er kommt nicht wieder.

(Hero, die bisher halb sitzend an Janthes Knie gelehnt, gleitet jetzt herab und liegt auf den Stufen.)

Hero! O mir! Wer steht der Ärmsten bei?

Priester

(zurückkommend).

Sie führen ihn mit sich, sie rudern fort.

Bald trennt das Meer, die unheilvoll Vereinten.

Janthe

(nach einer Pause aufstehend und herabkommend).

Es braucht kein Meer, der Tod hat gleiche Macht,

Zu trennen, zu vereinen. Komm und schau

So sehn die Toten aus in diesen Landen.

Priester

Spricht das der Wahnsinn?

Janthe

                                            Nein, er hörts.

Vorsicht’ger Tor, sieh deiner Klugheit Werke!

Priester

Und gälts ihr Leben! Gäb’ ich doch auch meins,

Um Unrecht abzuhalten. Doch es ist nicht.

(Er eilt die Stufen hinauf, vor der Hingesunkenen knieend.)

Janthe

Heißt nur die Männer, die den Jüngling tragen,

Drauß harren, es bedarf noch ihres Amts.

Zwei Leichen und Ein Grab. O gönnt es ihnen!

(Zum Priester, der die Stufen herabkommt.)

Nun, Mann, du gehst? So gibst du sie denn auf?

Bleib! Eine Dienerin begehrt der Freiheit,

Ich kehre heim zu meiner Eltern Herd.

(Der Priester geht, sich verhüllend, ab.)

Du gehst und schweigst? Sei Strafe dir dies Schweigen!

Ihr sorgt für sie, wie sonst ich selbst getan.

Mich duldets länger nicht in eurem Hause.

(Sie nimmt den Kranz von Amors Bildsäule.)

Hier diesen Kranz tragt mit der Bleichen fort.

(Den Kranz nach der um Hero beschäftigten Gruppe hinwerfend, gegen die Bildsäule sprechend.)

Versprichst du viel, und hältst du also Wort?

Der Vorhang fällt.

Ende.